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Faszinierendes Bild einer Kaiserin

Das Kölner Museum Ludwig zeichnet ein überraschendes Bild der österreichischen Kaiserin Sisi: Anhand ihrer selbst gestalteten Fotoalben wird eine Frau sichtbar, die ihre Welt und ihre Rolle intensiv reflektiert.



«Sisi privat» im Museum Ludwig
Die Ausstellung «Sisi privat» in Köln zeigt die persönlichen Fotoalben der österreichischen Kaiserin.   Foto: Oliver Berg/dpa

Die österreichische Kaiserin Sisi war eine Celebrity des 19. Jahrhunderts - es gab von ihr sogar eine Wachsfigur bei Madame Tussaud's in London. Sie mochte es aber gar nicht, in der Öffentlichkeit zu stehen.

Wenn Paparazzi in der Nähe waren, hielt sie sich einen Fächer vors Gesicht. «Ich lasse mich nur sehr ungern photographieren», betonte sie. Selbst war sie dagegen eine leidenschaftliche Sammlerin von Porträtaufnahmen - wie eine Ausstellung in Köln zeigt.

Etwa 2500 Fotografien hat sie zusammengetragen - rund 2000 davon, eingeklebt in 18 verschließbaren Alben, besitzt das Kölner Museum Ludwig. Es griff zu, als die aus Familienbesitz stammenden Alben 1978 versteigert wurden. Jetzt sind sie bis zum 21. Februar in einer kleinen, aber sehr interessanten Ausstellung zu sehen: «Sisi privat. Die Fotoalben der Kaiserin.»

Die Kuratorin Miriam Szwast betrachtet die Alben als «visuelles Tagebuch», vergleichbar mit den Gedichten, die Sisi etwa 20 Jahre später schrieb. Mit der süßlichen Romy-Schneider-Figur hatte die echte Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn wenig gemein: Sie war eine hochgebildete Frau, die Altgriechisch, Neugriechisch und Ungarisch beherrschte und Shakespeares «Sommernachtstraum» auswendig gekannt haben soll.

Die Fotografien hat sie nicht einfach irgendwie in den Alben eingeklebt, sondern sorgfältig ausgewählt und arrangiert. Sie setzt Hochadlige neben Zirkusartisten, Hunde neben Kaiser und lässt - wie im wahren Leben - ihre Schwester als Double auftreten. Sie zeigt Schauspielerinnen im Männerkostüm oder kokett den Rock lüpfend. Von ihr selbst gibt es kaum Bilder.

Die Alben stellte sie als junge Frau zusammen, als sie sich in einer Phase der Selbstfindung befand. Nach ihrer Heirat mit Kaiser Franz-Joseph 1854 war die gebürtige Münchnerin nach eigenem Empfinden in einem «Kerker» erwacht. Die Alben können als Reflexion über die Gesellschaft und ihre eigene Rolle darin verstanden werden. Miriam Szwast spricht von «kreativen Collagen» und «Ideenräumen».

Nachdem Elisabeth die Phase der Krise überwunden und dem Kaiser ein Recht auf Autonomie abgetrotzt hatte, stellte sie das Sammeln ein - auch das spricht dafür, dass die Alben für sie wirklich ein Mittel der Selbstfindung waren.

Ungefähr von ihrem 30. Lebensjahr an ließ sich die Kaiserin nicht mehr fotografieren, selbst medizinische Röntgenaufnahmen lehnte sie ab. Über «die Gaffer» dichtete sie: «Ich wollt', die Leute ließen mich / In Ruh und ungeschoren, / Ich bin ja doch nur sicherlich / Ein Mensch wie sie geboren. / Es tritt die Galle mir fast aus, / wenn sie mich so fixieren; / Ich kröch' gern in ein Schneckenhaus / Und könnt' vor Wut krepieren.»

Die kostbaren Kleider, die sie bei offiziellen Anlässen trug, empfand sie selbst als eine Art Maskerade, sie sprach von «Geschirr», in das sie gelegt werde. «Der Mythos von Elisabeth ist ja immer diese wahnsinnig eitle, schönheitsbewusste Frau», sagt Miriam Szwast, «aber ich glaube, dass diese Diäten und der Sport letztlich Versuche waren, Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen, weil sie als Kaiserin ihren Körper abgab. Ihre Funktion war ja hauptsächlich, einen Thronfolger zu gebären.»

Elisabeth wurde 1898 in Genf von einem Attentäter ermordet. Als sie obduziert wurde, fanden die Ärzte einen tätowierten Anker auf ihrer Schulter: ein Freiheitssymbol.

© dpa-infocom, dpa:201023-99-52639/3

Veröffentlicht am:
23. 10. 2020
11:26 Uhr

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23. 10. 2020
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