Brennpunkte

Bei Anruf Kokain frei Haus: Drogentaxis in Berlin

Statt beim Dealer im Park werden Drogen in Berlin immer öfter bequem und unauffällig vor die Haustür oder den Clubeingang geliefert. Partygänger finden das meist harmlos. Die Polizei nicht.



Ermittlungsverfahren zu Kokain-Taxis in Berlin
In Berlin nimmt der Drogenhandel mit sogenannten Kokain-Taxis massiv zu.   Foto: Frank Leonhardt/dpa

Bestellung per Anruf oder SMS, schnelle Lieferung an die Wunschadresse, zuverlässig, keine Kreditkarten. Doch geliefert wird nicht Pizza oder Bier - illegales Kokain kommt diskret und direkt per Auto.

Auf Berlins Straßen sind wohl immer mehr sogenannte Koks-Taxis unterwegs. Nun hat die Berliner Polizei diesen Drogenhandel verstärkt im Blick. Seit Mai wird eine Extra-Statistik zu «Btm-Lieferservice» bei illegalem Handel mit Kokain geführt. «Btm» steht für Betäubungsmittel. Allein bis zum 1. Oktober seien 35 Ermittlungsverfahren zum Kokain-Lieferservice eingeleitet worden, teilte die Polizei am Montag mit. Zuvor hatte der RBB berichtet.

Ein Berliner Student, der seinen Namen nicht nennen möchte, erzählt, irgendwer habe immer eine Nummer, bei der man bestellen könne. Er habe auch erlebt, dass Visitenkarten vor Bars verteilt würden. Auf einer habe mal gestanden: «Alex' Obst-Taxi». Er habe das erst gar nicht kapiert, meint der 31-Jährige.

Viele der Taxis seien etwa in den Szenestadtteilen Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain unterwegs, so der Student. Es komme aber kein «Klischee-Drogendealer mit fettem BMW», sondern ein harmloser Kerl in irgendeinem Auto. Dann fährt man zusammen einmal ums Eck, macht Smalltalk ohne das Wort Kokain, bezahlt einen Fuffi (50 Euro) und wird dann wieder abgesetzt.

Das habe krass zugenommen, so der junge Mann. Bei etlichen Bekannten, die gelegentlich Partydrogen nähmen, gehöre nach Speed oder Ecstasy jetzt auch Koks zum Standard. «Vor ein paar Jahren war das auf jeden Fall noch nicht so.» Es sei geradezu nett - die Verkäufer, der Ablauf. «Ganz normal. Es fühlt sich jetzt nicht so an, als würde man sich mit irgendwelchen Clans oder sowas einlassen.»

Und doch stehen auch kriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien im Visier der Kriminalisten. Im August 2018 gab es im Zusammenhang mit Drogentaxis auch Ermittlungen gegen Angehörige eines Clans. Die Behörden berichteten damals vom Fund von 2,4 Kilo Cannabis in einem Auto. Beschlagnahmt wurden demnach 200.000 Euro Bargeld sowie mehrere Autos.

«Die Dunkelziffer wird heller», sagt der Berliner SPD-Innenexperte Tom Schreiber zu den jetzt begonnenen Verfahren zu den «Koks-Taxis». Das sei auch eine Folge verschärfter Kontrollen. Drogendealer suchten nach immer neuen Wegen, ihren Stoff abzusetzen. Allerdings seien Dealer und Fahrer, die das Kokain zu den Konsumenten bringen, nur das Ende einer Kette, zu der komplexe kriminelle Strukturen gehörten.

Im Mai wurde die Festnahme zweier Männer in Berlin bekannt, die ihre Kunden per Kokain-Taxi versorgt haben sollen. In einem verdächtigen Fahrzeug wurden ein Kilogramm Kokain mit einem Marktpreis von etwa 40.000 Euro sowie zwei Schreckschusswaffen beschlagnahmt.

Indes stieg entgegen dem Bundestrend die Zahl der Drogentoten in Berlin erneut. Im vergangenen Jahr starben nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) 191 Menschen in der Hauptstadt an Folgen ihres Rauschmittelkonsums, 23 mehr als 2017. Laut Polizei wurden in Berlin bis Juli bereits 123 Drogentote festgestellt. Bundesweit blieb deren Zahl im Vorjahr mit 1276 fast konstant. Hintergrund waren meist Überdosen von Opioiden wie Heroin.

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
16:58 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
BMW CSU Drogendealer Drogenhandel Drogentote Fahrer Fahrzeuge und Verkehrsmittel Festnahmen Kokain Kriminalisten Marlene Mortler Partydrogen Polizei Rundfunk Berlin-Brandenburg Verbrechen und Kriminalität
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Drogen-Rucksack

01.05.2020

Drogendealer nutzen Essenslieferanten für Transport

In der Corona-Pandemie ist alles anders: Einkaufszentren und Restaurants sind oder waren geschlossen, Online-Shopping und Lieferdienste boomen. Auf die krisenbedingen Änderungen hat sich nun auch die Welt der Verbrecher ... » mehr

Rosa Rahmen für Dealer

09.05.2019

Rosa Stehplätze für Berliner Drogendealer

Der Görlitzer Park in Berlin ist für seine vielen Drogendealer bekannt. Kleine, mit Sprühfarbe markierte Flächen sollten nun verhindern, dass Parkbesucher durch ein Spalier von Rauschgifthändlern laufen müssen. Die Idee ... » mehr

Razzien im Clan-Milieu

14.05.2020

Razzia gegen Clan-Mitglieder wegen Kokainlieferservice

Heroinsüchtige kaufen ihre Droge auf der Straße. Kokain für die Besserverdienenden wird mit dem «Koks-Taxi» geliefert. Eine SMS, Chat-Nachricht oder ein Anruf reichen. 20 Minuten später wartet der Dealer im Auto an der S... » mehr

Clauvino da Silva

05.08.2019

Drogenhändler wollte als Frau aus Gefängnis in Rio fliehen

73 Jahre hinter Gittern? Das erschien dem Brasilianer Clauvino da Silva dann doch als etwas lang. Und wäre es rein nach der Optik gegangen, wäre sein Fluchtplan möglicherweise aufgegangen. » mehr

Vor der Küste

05.05.2020

«Söldner» in Booten: Invasionsversuch in Venezuela?

Zweiter angeblicher Invasionsversuch mit US-Beteiligung in zwei Tagen: Die Regierung des autoritären venezolanischen Präsidenten Maduro mobilisiert Tausende Soldaten, die Opposition des selbst ernannten Interimspräsident... » mehr

Kokain-Fund in Italien

14.11.2019

250 Millionen Euro wert: Rekord-Kokain-Fund in Italien

Es war in Bananenkisten versteckt und könnte einen neuen Rekord darstellen: Italienische Polizisten haben eine Großlieferung Kokain sichergestellt - die nach Deutschland gehen sollte. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Nach Sattelzug-Crash: Gefrierbeutel und Verpackung auf A 9 Hof/Münchberg

Nach Sattelzug-Crash: Gefrierbeutel und Verpackung auf A 9 | 28.05.2020 Hof/Münchberg
» 19 Bilder ansehen

DisTANZ in den Mai Fichtelgebirge

DisTANZ in den Mai | 03.05.2020 Fichtelgebirge
» 63 Bilder ansehen

IMG-20200518-WA0000

4. Bratwurstlauf 2020 |
» 17 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
21. 10. 2019
16:58 Uhr