Brennpunkte

Berlin erklärt auch Kanaren zu Corona-Risikogebiet

Im Corona-Hotspot Spanien hatten die Kanaren wegen relativ geringer Fälle eine Sonderstellung. Doch die Infektionen steigen nun auch dort rapide. Trotz hochsommerlicher Temperaturen setzt auf den Inseln daher das große Zittern ein. Vor allem in der Tourismusbranche.



Gran Canaria
Badegäste an einem Strand auf Gran Canaria. Mit den Kanaren gilt nun ganz Spanien als Corona-Risikogebiet.   Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa

Auf den vom Coronavirus noch bis vor kurzem weitgehend verschonten Kanaren lässt die Pandemie nun doch die Alarmglocken schrillen.

Und das sehr laut: Mit 300 Fällen pro Tag während der vergangenen Woche meldeten die regionalen Gesundheitsbehörden in Las Palmas zuletzt stark steigende Infektionszahlen. Die zu Spanien gehörenden Atlantik-Inseln verloren deshalb am Mittwoch dann auch prompt ihre bisherige Sonderstellung und wurden von Deutschland auf die «schwarze Liste» der Risikogebiete gesetzt. Dort war der Rest Spaniens - inklusive der bei Deutschen beliebten Balearen samt der Ferieninsel Mallorca - bereits seit Mitte August aufgeführt.

Die damit einhergehende Reisewarnung des Auswärtigen Amtes samt Quarantänepflicht für Urlauber nach ihrer Heimkehr wird der bereits schwer angeschlagenen Tourismusbranche, die einen Anteil von etwa 35 Prozent am Regionaleinkommen hat, einen «Todesstoß» versetzen, wie ein TV-Kommentator schon vor einigen Tagen betonte. Denn trotz der Sonderstellung herrschte auf den Kanarischen Inseln bereits vor der Berliner Entscheidung «Trostlosigkeit» und «Verzweiflung», wie die Zeitung «El Día» jüngst schrieb - und mit Fotos leerer Straßen, Plätze und Kneipen schmerzlich untermauerte.

Eine Reisewarnung ist zwar kein Reiseverbot, aber eine abschreckende Wirkung ist beabsichtigt. Sie hat zudem eine positive Seite für Verbraucher: Sie ermöglicht es Reisenden, Buchungen kostenlos zu stornieren, weshalb Reiseveranstalter in der Regel geplante Pauschalreisen unmittelbar absagen.

Zentrales Kriterium für die Einstufung als Risikogebiet ist, in welchen Staaten oder Regionen es in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gegeben hat. Auf den Kanaren lag diese Zahl binnen sieben Tagen bei mehr als 95. Damit stehen die Inseln vor der Westküste Afrikas inzwischen schlechter da als manche andere spanischen Gebiete, für die seit Mitte August die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gilt, wie etwa das ebenfalls vom Tourismus stark abhängigen Valencia (62) oder Andalusien (knapp 57). Auf den Balearen mit der liebsten Insel der Deutschen, Mallorca, liegt diese Zahl derzeit bei knapp 60.

Für ganz Spanien gab das Gesundheitsministerium in Madrid diesen Wert am Mittwoch mit gut 100 für die vergangenen sieben Tage an. Über die Risikogebiete führt das bundeseigene Robert Koch-Institut (RKI) eine Liste, die fortlaufend aktualisiert wird. Sie umfasst mehr als 130 Staaten, von Ägypten über Russland bis zu den USA.

Der kanarische Regionalpräsident Ángel Víctor Torres hatte angesichts der negativen Entwicklung schon vor einigen Tagen neue Einschränkungen bekanntgegeben, die er «drastisch» nannte. Auf den besonders schwer betroffenen Inseln Gran Canaria und Lanzarote sind Veranstaltungen mit mehr als zehn Teilnehmern seither zunächst bis zum 11. September verboten. Restaurants und Kneipen müssen schon um Mitternacht schließen. In der gesamten Region gilt auch am Arbeitsplatz Maskenpflicht. Die Polizei soll mit mehr Beamten dafür sorgen, dass die Vorschriften von den 2,15 Millionen Einwohnern der Inseln auch eingehalten werden.

«Dass es bei uns noch schlimmer kommen würde, hätten wir nie gedacht», sagte der Wirt Mauro, der ein Restaurant in Las Palmas de Gran Canaria betreibt, der Deutschen Presse-Agentur. Die Hoffnung, dass viele deutsche Mallorca-Fans nach der «Disqualifikation» der Mittelmeer-Insel durch die Bundesregierung auf die Kanaren umbuchen würden, hatte sich nämlich in den vergangenen zwei Wochen nicht erfüllt. «Hier herrscht schon jetzt tote Hose», klagte Mauro.

Obwohl die Kanaren seit Mitte August die einzige Region Spaniens waren, für die Berlin noch keine Reisewarnung herausgegeben hatte, traten zuletzt weiterhin nur relativ wenige Deutsche eine Reise nach Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote oder zu einem anderen Teil des Archipels an. «Dem typischen Mallorca-Touristen sagt das Angebot auf den Kanaren wohl nicht zu», stellte die Zeitung «El Diario» dieser Tage enttäuscht fest. Der Chef des Hotelierverbandes von Gran Canaria (FEHT), José María Mañaricúa, bezeichnete die Lage der Unterkunftsbetreiber auf allen Inseln als «dramatisch».

Mit 2,65 Millionen Besuchern im vorigen Jahr ist Deutschland hinter Großbritannien (circa fünf Millionen) und vor Spanien (rund zwei Millionen) der zweitgrößte Markt für die Kanaren. London hatte am 26. Juli eine Quarantäne für alle Spanien-Rückkehrer angeordnet. Das war vor allem für die Kanaren und die Balearen, die beide besonders viele Briten empfangen und wo Tourismus wie sonst nirgendwo in Spanien die Haupteinnahmequelle ist, schon ein sehr harter Schlag.

Wie schlimm die Lage auf den Kanaren ist, zeigen bereits die amtlichen Zahlen für Juli, obwohl die Infektionslage im vorigen Monat viel besser war als jetzt: Die Zahl der britischen Besucher fiel da im Vergleich zum Vorjahresmonat um mehr als 83 Prozent: Von 450.000 auf unter 75.000. Die Zahl der Besucher aus Deutschland ging derweil im gleichen Zeitraum von gut 190.000 auf unter 80.000 zurück.

Viele Reserven zum Durchhalten gibt es inzwischen nicht mehr. Im ersten Halbjahr brach die Wirtschaft der Kanaren um gut 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein. In diesen sechs Monaten machten mehr als 1200 Betriebe hauptsächlich wegen Corona dicht.

Für August gibt es noch keine amtlichen Zahlen. Aber der Wirt Mauro versichert: «Es ist jetzt bei uns noch leerer als im Juli. Wenn wir die Touristen aus Spanien nicht hätten ...» Er hat wohl recht. Nach Schätzungen kamen bisher im August etwa 80 Prozent der Touristen von den Kanaren selbst sowie je zehn Prozent vom spanischen Festland und aus Deutschland. Letztere wird man nun wohl verlieren.

© dpa-infocom, dpa:200902-99-407770/4

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Veröffentlicht am:
02. 09. 2020
20:39 Uhr

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02. 09. 2020
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