Brennpunkte

Journalist Tichy gibt Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab

Seit 2014 ist Roland Tichy Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung. Und er war nicht bei allen Mitgliedern wohlgelitten. Ein sexistischer Kommentar in seinem Magazin brachte das Fass wohl zum Überlaufen.



Roland Tichy
Roland Tichy bei einem TV-Talkshow-Auftritt im September 2013.   Foto: Karlheinz Schindler/dpa-Zentralbild/dpa

Der Publizist Roland Tichy gibt nach scharfer Kritik über frauenfeindliche Äußerungen in seinem Magazin den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab.

Er trete bei der am 30. Oktober anstehenden Wahl nicht mehr an, hieß es am Donnerstag in einem Schreiben des Vorstandes an die Mitglieder der Stiftung. Auslöser des Eklats ist ganz offensichtlich die Debatte um die Äußerungen über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in der Monatsschrift «Tichys Einblick». Folgt jetzt eine Frau an der Spitze der männerdominierten Stiftung nach, etwa die FDP-Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg?

In dem viel kritisierten Beitrag schrieb Stephan Paetow, dass Chebli in den Bundestag wolle und gegen den «Resignierenden Bürgermeister» Michael Müller (beide SPD) antrete, «der sich ebenfalls vor der Bedeutungslosigkeit ins Bundesparlament flüchten will». Und weiter: «Was spricht für Sawsan? Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.»

Chebli twitterte am Donnerstag, der Rücktritt von Tichy sei «längst überfällig» gewesen, «aber er löst natürlich nicht das Riesenproblem, das wir mit Sexismus haben. Deshalb: Lasst uns auch künftig alle niemals schweigen!»

Richtig ins Rollen gebracht hatte die Debatte die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU). Sie habe ihre Mitgliedschaft in der Stiftung aus Protest gegen Tichy gekündigt. Dem «Handelsblatt» nannte sie zur Begründung die frauenfeindlichen Äußerungen über Chebli. «Bei Tichy hat der verbale Ausfall System», sagte Bär der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Die Stiftung beschreibt sich zwar als parteiungebundener, gemeinnütziger Verein. Doch letztlich hat die CDU, zu seinen Lebzeiten politische Heimat des Stiftungsgründers und früheren Kanzlers Ludwig Erhard (1897-1977), großen Einfluss. Aus der Partei heraus wurde in dem Fall wohl erheblicher Druck auf Tichy ausgeübt. Friedrich Merz, Kandidat für den CDU-Vorsitz, twitterte zu Tichys Rückzug: «Die einzig richtige Entscheidung.»

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sowie der Vorsitzende der Mittelstandsunion, Carsten Linnemann, ließen mit sofortiger Wirkung ihre Mitgliedschaft in der Stiftung ruhen. Die beiden erklärten dazu: «Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eine Institution mit langer Tradition und dem Erbe des Namensgebers verpflichtet. Leider ist seit geraumer Zeit eine Debattenkultur von führenden Vertretern der Stiftung festzustellen, die dieser Verantwortung nicht gerecht wird. Das schadet dem Ansehen Ludwig Erhards.»

Kritik an Tichy äußerte nach Angaben der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls Mitglied der Stiftung ist. In einem Schreiben an die anderen Mitglieder argumentiert Weidmann demnach, er schätze die Stiftung, «weil sie der Fortentwicklung marktwirtschaftlichen und freiheitlich-demokratischen Denkens eine Plattform bietet». Dazu gehöre aber ein «Debattenklima gegenseitigen Respekts, nicht nur innerhalb der Stiftung, sondern auch darüber hinaus».

Merz hatte bereits 2018 den Ludwig-Erhard-Preis abgelehnt. Wie das «Handelsblatt» damals unter Berufung auf Einschätzungen von Jury-Mitgliedern berichtete, war ein Grund, dass Merz bei der Verleihung mit Tichy zusammen auf der Bühne stehen sollte.

Tichy selbst bezeichnet sein Magazin als «liberal-konservatives Meinungsmagazin». Das Magazin und die Online-Plattform tichyseinblick.de gehören für viele Politiker aus dem rechtspopulistischen Spektrum zur Pflichtlektüre.

Mitte Juni ist Tichy in zweiter Instanz mit seiner Klage gegen Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) gescheitert, die Tichy im Oktober 2019 in der «Augsburger Allgemeinen» neurechten Plattformen zugeordnet hatte. Deren Geschäftsmodell beruhe «auf Hetze und Falschbehauptungen», sagte Roth. Tichy hatte auf Unterlassung geklagt. Das Gericht entschied jedoch, die Äußerung sei nicht als Tatsachenbehauptung einzustufen, sondern als Meinungsäußerung.

Tichy war von 2007 bis 2014 Chefredakteur der «Wirtschaftswoche». Seit 2014 hatte er den Vorsitz der Stiftung inne, die der Vater des deutschen Wirtschaftswunders, der frühere Wirtschaftsminister und Kanzler Ludwig Erhard, 1967 gründete. Sie sollte die Idee der sozialen Marktwirtschaft unter anderem durch Veranstaltungen und Vorträge weiterentwickeln und verbreiten.

© dpa-infocom, dpa:200924-99-691497/6

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Veröffentlicht am:
24. 09. 2020
18:32 Uhr

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