Brennpunkte

Publikation relativiert Sachsens Ruf als rechte Hochburg

Sachsen ist wiederholt als vermeintliche Hochburg der Rechtsextremen in die Schlagzeilen geraten. Experten haben das nun in einem Buch beleuchtet - und sehen das Phänomen eher als Ostproblem.



Pegida-Kundgebung in Dresden
Teilnehmer stehen bei einer Kundgebung der islam- und ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung auf dem Neumarkt in Dresden.   Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Sachsen kann nach Ansicht von Wissenschaftlern nicht uneingeschränkt als Hochburg des Rechtsextremismus gesehen werden.

Das ist das Ergebnis eines am Freitag in Dresden vorgestellten Buchprojektes unter dem Titel «Sachsen - eine Hochburg des Rechtsextremismus?». In verschiedenen Beiträgen untersuchen Experten etwa Wahlverhalten, Einstellungen, militante Szenen und Protestkulturen von Menschen im Freistaat. «Immer wieder wird Sachsen mit radikalem Rechtspopulismus verbunden», sagte Mitherausgeber Steffen Kailitz vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden.

Das sei kein neues Phänomen, sondern bereits seit der deutschen Einheit ein Thema, erklärte Kailitz. Zugleich nehme Sachsen keine Sonderrolle ein und unterscheide sich kaum von den Einstellungen in anderen Ost-Bundesländern.

«Bei den rechtsextremistischen Einstellungen in der Bevölkerung lässt sich nach den Ergebnissen von Gert Pickel und Alexander Yendell kein nennenswerter Unterschied bezüglich der Verbreitung in Sachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern ausmachen», sagte etwa Maximilian Kreter, Doktorand am Hannah-Arendt-Institut. Ein Spezifikum stelle aber die größere Verbreitung von Islamfeindlichkeit dar. Dies gelte jedoch für alle Ost-Länder.

«Über die meisten Phänomenbereiche hinweg tritt eine Ost-West-Differenz markant hervor: So waren NPD und AfD im Osten nach der deutschen Einheit weit erfolgreicher als im Westen», beschrieb Kreter ein zentrales Ergebnis des Bandes. Die AfD sei in Ostdeutschland nicht nur erfolgreicher, sondern auch weit radikaler: «Dies deutet darauf hin, dass der Boden für rechtsextreme Parolen hier fruchtbarer ist.»

Laut Studie tritt Sachsen als Hochburg des Rechtsextremismus im Kern nur im Vergleich mit den westlichen Bundesländern hervor. Im Vergleich zu anderen der östlichen Länder rage Sachsen keinesfalls hervor - unter anderem beim Thema rechtsmotivierte Gewalt, so Mitherausgeber Uwe Backes. Die Situation in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen unterscheide sich beim Blick auf den Rechtsextremismus kaum von jener in Sachsen.

Eine Besonderheit sieht die Publikation jedoch mit Blick auf Dresden und die islam- und ausländerfeindliche Pegida-Bewegung. Pegida und die Wahlerfolge der sächsischen AfD bewirken demnach, dass Dresden in der rechtsextremen Szene inzwischen als «Hauptstadt der patriotischen Bewegung» angesehen werde: Dies führe in einem Pull-Effekt dazu, dass sich rechtsextremistische Szeneaktivisten verstärkt in Dresden und Sachsen engagieren.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bezeichnete bei der Podiumsdiskussion am Freitag Rechtsextremismus als «drängendes Problem». Immer wieder könne man sehen, dass Worten Taten folgten - zuletzt bei dem Attentat in Halle, sagte der Regierungschef. Es sei daher wichtig, sich mit dem Thema Rechtsextremismus wissenschaftlich auseinanderzusetzen und Erklärungen zu liefern, betonte Kretschmer. Zugleich warnte er vor einer Vorverurteilung: «Es geht darum, bittere Wahrheiten zu diskutieren und auszusprechen, ohne ein schnelles Urteil zu fällen.»

© dpa-infocom, dpa:201016-99-964588/3

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 10. 2020
16:41 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Buchprojekte Bücher CDU Deutsche Presseagentur Michael Kretschmer Ministerpräsidenten NPD Pegida Probleme und Krisen Rechtsextremisten Rechtspopulismus Sächsische Ministerpräsidenten Technische Universität Dresden Wahlverhalten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
«Masken-Baum»

09.11.2020

Sachsens Innenminister nach «Querdenken»-Demo unter Druck

Zahlreiche Menschen hebeln im Rahmen einer «Querdenker» Demonstration in Leipzig sämtliche Corona-Regeln aus - unter den Augen der Polizei. Noch zwei Tage später ist die Empörung groß. Wird der Kontrollverlust Konsequenz... » mehr

Teil-Lockdown bis zum 10. Januar

03.12.2020

Teil-Lockdown bis 10. Januar: Strengere Regeln zu Silvester?

Bund und Länder wollen die bisherigen Corona-Beschränkungen bis Januar verlängern. Dabei hat der Teil-Lockdown bislang nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Müssen die Zügel noch einmal angezogen werden? » mehr

Haseloff und Stahlknecht

vor 7 Stunden

Offene Fragen nach Stahlknecht-Abgang in Sachsen-Anhalt

Mit seinem Abgang nach unabgestimmten Aussagen in der heißen Phase des Magdeburger Koalitionsstreits hinterlässt Holger Stahlknecht zwei wichtige Leerstellen in Regierung und Partei. Was sucht die CDU zuerst: Personal od... » mehr

Friedrich Merz

26.10.2020

Merz sieht Kampagne des «Establishments» gegen sich

Knapp ein Jahr vor der Bundestagswahl sehnt die CDU eigentlich eine Entscheidung herbei. Doch Corona macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Vorsitz-Bewerber Merz will nicht glauben, dass das der einzige Grund ist. » mehr

Tobias Hans

02.12.2020

Corona-Kosten: Kanzlerin berät mit Ministerpräsidenten

Die Corona-Krise kommt den Staat teuer zu stehen. Deshalb ringen Bund und Länder seit Tagen um die Frage, wer am Ende die Rechnung bezahlen muss. Finden die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten eine Antwort? » mehr

Daniela Schadt und Joachim Gauck

04.10.2020

Steinmeier beschwört Zusammenhalt

Corona machte die Pläne für die zentrale Einheits-Party zunichte. Gefeiert wurde dennoch - mit Abstand, Maske und weniger Gästen. Hauptthema in den Reden: das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

29.11.2020 Bilder Lebkuchenmarkt Rehau - Sonntag

Lebkuchenmarkt Rehau - Sonntag | 29.11.2020 Rehau
» 40 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
16. 10. 2020
16:41 Uhr