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Trauer in Solingen um fünf tote Kinder

Eine junge Mutter in Solingen soll fünf ihrer sechs Kinder umgebracht haben. Die Betroffenheit ist groß. Es war wohl eine Verzweiflungstat. Gab es Warnzeichen?



Trauer in Solingen
Zusammen mit Oberbürgermeister Tim Kurzbach (l) lassen Nachbarn als Ausdruck ihrer Trauer fünf Luftballons mit den Namen der fünf getöteten Kinder vor dem Haus der Familie steigen.   Foto: Roberto Pfeil/dpa

Melina, Leonie, Sophie, Timo, Luca steht auf den bunten Ballons, die eine Nachbarsfamilie mitgebracht haben. Fünf Namen, fünf Kinder, die in Solingen einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind.

Der Oberbürgermeister Tim Kurzbach kommt dazu, jeder nimmt einen Ballon. Schweigend schauen sie sich an, dann lassen sie die Ballons in den Himmel steigen. Solingen trauert.

Am Samstagabend folgten schätzungsweise 800 Menschen einem Aufruf des Stadtteils Hasseldelle, um mit Kerzen und einer Schweigeminute der toten Kinder zu gedenken. «Der Einzelne ist ja gar nicht in der Lage, so zu trauern, seiner Trauer Ausdruck zu verleihen. In der Gemeinschaft kann man das, in der Gemeinschaft ist das intensiver», sagte der Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins, Hans-Peter Harbecke, dem WDR. Es war ein stilles Gedenken, berichteten Teilnehmer. Viele schwiegen.

Die 27-jährige Mutter der Solinger Familie soll ihre ein bis acht Jahre alten Kinder erst betäubt und dann erstickt haben. Gegen die Frau wurde Haftbefehl erlassen. Nur der Elfjährige, der zur Tatzeit in der Schule war, überlebte. Die Mutter hatte sich später in Düsseldorf vor einen Zug geworfen und war schwer verletzt worden. Sie konnte nach Angaben der Behörden am Freitag noch nicht vernommen werden. Am Wochenende gab es zu ihrem Gesundheitszustand und zu den Hintergründen keine neuen Informationen.

Seit Bekanntwerden der Tat kommen immer mehr Menschen zu dem grauen mehrgeschossigen Wohnhaus der Familie. Neben dem blauen Briefkasten des Hauses türmen sich inzwischen Friedhofskerzen, Blumen und Plüschtiere - Zeichen der Anteilnahme. Viele Bürger hätten über die sozialen Medien Spenden angeboten, hieß es. Die Stadt werde am Montag ein Spendenkonto eröffnen, aus dem etwa Beerdigungskosten bezahlt werden könnten, sagte ein Stadtsprecher.

Unklar war zunächst die Zukunft des einzig überlebenden Kindes, eines elfjährigen Jungen. Er ist jetzt bei seiner Großmutter in Mönchengladbach.

Die Opferschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen, Elisabeth Auchter-Mainz, sagte, sie habe den Eindruck, dass der Junge und die Großmutter - auch von Notfallseelsorgern - gut betreut würden. Für die Zukunft benötigten der Junge und seine Großmutter Zeit. «In so einer Lage brauchen die Menschen Zeit - und diese Zeit muss dem Jungen und seiner Großmutter gegeben werden.»

Die Ermittler vermuten, dass die alleinerziehende Mutter von sechs Kindern nach der Trennung von ihrem Mann die Tat in einem Zustand emotionaler Überforderung begangen hat. Die Ehe sei zerrüttet gewesen, berichteten Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitag. Vor der Tat habe die Frau ein Jahr von ihrem letzten Mann, dem Vater von vier ihrer Kinder, getrennt gelebt. Sie sei die einzige Verdächtige.

Die Familie war dem städtischen Jugendamt vor der Tat bereits bekannt - aber ein Warnzeichen gab es nach offiziellen Angaben offensichtlich nicht. «Der Familie wurden von der Stadt Solingen erforderliche Unterstützungen gewährt. Das Jugendamt hat zusätzlich mögliche Hilfsangebote unterbreitet», teilte die Stadt mit, ohne Details zu nennen. «Erkenntnisse zu Auffälligkeiten oder einer potenziellen Gefährdung der Kinder gab es zu keinem Zeitpunkt.»

Menschen, die sich selbst töteten und andere «mitnehmen» wollten, empfänden eine Sehnsucht nach «Erlösung», sagt der Psychiater Prof. Hans-Jörg Assion von der Klinik der Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Dortmund. «Die eigene Erlösung von dem Leid wird auf andere Menschen übertragen, die in das lebensmüde Empfinden einbezogen werden, quasi um sie ebenfalls von dem Leiden zu "erlösen".» Ein solches Verhalten sei sehr selten. Bei Warnzeichen - etwa dem Reden von Erlösung anderer vom Leid auf Erden - könnten Traumaambulanzen helfen.

Melina (1), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6) und Luca (8) waren von Polizisten am Donnerstag tot in ihren Kinderbetten in der Wohnung der Familie gefunden worden. Rechtsmediziner fanden bei der Obduktion Hinweise darauf, dass die Kinder betäubt wurden und dann entweder erstickten oder erstickt wurden. Weitere toxikologische Untersuchungen müssten aber abgewartet werden.

© dpa-infocom, dpa:200905-99-438836/6

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Veröffentlicht am:
06. 09. 2020
14:15 Uhr

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