Topthemen

Warum der Osten weniger unter Corona leidet

Ein Blick auf die deutschen Corona-Zahlen zeigt: Vor allem Ostdeutschland ist bislang verhältnismäßig schwach betroffen. Laut Medizinern spielt die Demografie wohl eine entscheidende Rolle - aber auch der Geldbeutel.



Coronavirus-Illustration auf einer elektronischen Anzeigentafel
Eine elektronische Werbetafel zeigt eine Illustration des Coronavirus.   Foto: Christoph Soeder/dpa/Symbolbild

Die Corona-Pandemie hat Deutschland längst erreicht - aber nicht überall gleichermaßen: Mit Ausnahme von Berlin sind die Infektionszahlen in den ostdeutschen Bundesländern bislang verhältnismäßig niedrig. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind deutlich weniger betroffen als etwa Bayern und Nordrhein-Westfalen - sowohl in absoluten Zahlen als auch auf 100 000 Einwohner gerechnet.

Einen einzelnen Grund für diese Entwicklung könne man nicht benennen, erklärt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. «Es kommen schon immer mehrere Aspekte zusammen.»

Entschleunigend bei der Virusausbreitung könne etwa ein hoher Anteil alter, weniger mobiler Menschen in einer Gesellschaft wirken: «Wir gehen oft in erster Linie davon aus, dass Alter ein Risikofaktor für schwere Erkrankungen ist», sagt Zeeb der Deutschen Presse-Agentur. «Das stimmt auch, aber die Ausbreitung ist zu Beginn wahrscheinlich tendenziell vor allem über jüngere Menschen erfolgt, über Reisende.» Ältere Menschen hätten zwar oft einen schwereren Krankheitsverlauf, erklärt der Mediziner. «Aber wenn der Virus eben gar nicht erst eingetragen wird, dann wirkt das halt auch protektiv für die, die möglicherweise später klinisch schwerer betroffen wären.»

Hinzu kommt laut Zeeb die recht niedrige Bevölkerungsdichte in mehreren ostdeutschen Bundesländern. «Gerade Mecklenburg-Vorpommern fällt mit niedrigen Zahlen auf: Ein Bundesland mit sehr geringer Bevölkerungsdichte und viel ländlicher Struktur.» Es gebe aber auch Gegenbeispiele: Bremen etwa habe eine hohe Bevölkerungsdichte und dennoch recht niedrige Infektionszahlen. «Das zeigt eben auch, dass das Ganze jetzt nicht so einfach schwarz und weiß zu beschreiben ist.»

Eine große Bedeutung bei der Virusausbreitung spielten Experten zufolge wohl auch Karnevalsveranstaltungen - die in Westdeutschland traditionell beliebter sind als im Osten. «Solche Feste und Zusammenkünfte moderieren und verändern das Krankheitsgeschehen eindeutig», sagt auch Zeeb.

Ein weiterer Unterschied: Während in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg das Virus wohl vielerorts aus Skigebieten wie Ischgl in Österreich eingeschleppt wurde, sind solche Berichte aus ostdeutschen Bundesländern seltener. «Das Reiseziel hat ja durchaus auch etwa mit dem sozioökonomischen Status des Reisenden zu tun», sagt Zeeb mit Blick auf die Gehälter, die in Ostdeutschland durchschnittlich geringer sind als im Westen: «Ausführliche Winterurlaube können besonders Leute machen, die ausführlich Geld haben.»

Und schließlich: Als in Deutschland die ersten Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus beschlossen wurden, hatten die ostdeutschen Bundesländer zum Teil erst verhältnismäßig wenige Fälle registriert. Aus Zeebs Sicht ein Glücksfall: «Das ist ja das Optimale, wenn man Prävention früh genug einführt, damit eben nichts passiert.»

Hartnäckig hält sich zudem die These, dass viele Ostdeutsche in der Corona-Krise von der Impfpflicht in der DDR profitierten, weil die Tuberkulose-Impfung auch gegen das Coronavirus immunisiere. Dafür gebe es bislang aber keine Beweise, betont Zeeb.

Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge laufen weltweit mehrere klinische Studien zu möglichen Effekten einer sogenannten BCG-Impfung gegen Tuberkulose in Bezug auf Schutz vor der neuen Lungenerkrankung Covid-19. Doch auch RKI-Präsident Lothar Wieler betonte kürzlich auf einer Pressekonferenz: «Diese Hypothese wird von manchen Wissenschaftlern in den Ring geworfen, sie ist nicht belegt.» Genau wie Zeeb verwies er auf soziale und demografische Faktoren als mögliche Erklärungen für regionale Unterschiede beim Infektionsgeschehen. Auch der Weltgesundheitsorganisation WHO lagen zuletzt keine Belege für eine Wirksamkeit der Tuberkulose-Impfung in diesem Zusammenhang vor.  dpa

>>> Mehr zum Thema

Autor

Von Hannah Wagner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
03. 05. 2020
10:40 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bevölkerungsdichte Coronavirus 19 Demographie Deutsche Presseagentur Epidemiologie Infektionszahlen Klinische Medizin Klinische Studien Pressekonferenzen Robert-Koch-Institut Weltgesundheitsorganisation
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Biontech

22.04.2020

Corona-Impfstoff: Erste klinische Studie in Deutschland

Forscher weltweit suchen fieberhaft nach einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2. Er gilt als zentral im Kampf gegen die Pandemie. Ein deutsches Unternehmen ist nun einen entscheidenden Schritt weiter. » mehr

Robert Koch Institut

24.06.2020

Fast 600 registrierte Corona-Neuinfektionen

Vor allem die benachbarten Kreise Gütersloh und Warendorf stehen im Fokus der Corona-Ausbrüche. Auch in Berlin stiegen die Zahlen merklich. Doch die sogenannten R-Werte gehen wieder deutlich zurück. » mehr

Gesundheitsminister Spahn

vor 15 Stunden

Spahn warnt vor zweiter Corona-Welle

Deutschland hat das Corona-Virus derzeit gut im Griff. Eine zweite Infektionswelle könnte die Bürger trotzdem treffen. Was ist zu tun - und was halten die Menschen von den Vorschriften? » mehr

Shopping in Hamburg

27.05.2020

Warum die Corona-Neuinfektionen trotz Lockerungen nicht steigen

Offene Kaufhäuser, Restaurants und Friseure: Experten haben vor den Lockerungen immer wieder vor einer neuen Infektionswelle gewarnt. Bislang ist die ausgeblieben. Ist die Corona-Gefahr gebannt? » mehr

Christian Drosten

24.04.2020

Drosten: Hinweis auf Hintergrund-Immunität

Milde oder symptomlose Corona-Verläufe könnten nach Ansicht des Berliner Virologen Christian Drosten mit früheren Infektionen mit Erkältungs-Coronaviren zusammenhängen. » mehr

Vatikan

11.03.2020

Coronavirus: Kanzlerin Merkel ruft alle zur Solidarität auf

Kanzlerin Merkel ruft im Kampf gegen das Coronavirus zur Solidarität auf. Ein Virologe sieht einen Zeitvorsprung vor Italien von ein paar Wochen. Unterdessen gibt es einen dritten Todesfall in Deutschland. Und die WHO sp... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Brand in Rehau

Brand in Rehau |
» 6 Bilder ansehen

Selber Wiesenfest unter Corona-Bedinungen Selb

Selber Wiesenfest-Wochenende im Zeichen von Corona | 12.07.2020 Selb
» 29 Bilder ansehen

Blick ins umgebaute Radquartier in Kirchenlamitz Kirchenlamitz

Blick ins umgebaute Radquartier in Kirchenlamitz | 14.07.2020 Kirchenlamitz
» 32 Bilder ansehen

Autor

Von Hannah Wagner

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
03. 05. 2020
10:40 Uhr