Wirtschaft

Sichert Wasserstoff die Zukunft beim Stahl?

Mehr Klimaschutz erfordert weniger CO2 aus der Industrie. Der Umbau ist für energieintensive Branchen wie die Stahlproduktion aber eine echte Herausforderung. Kommt jetzt die entscheidende Hilfe aus der Politik?



Salzgitter AG
Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, trägt einen Mund-Nasenschutz und einen Helm im Werk der Salzgitter AG.   Foto: Julian Stratenschulte/dpa » zu den Bildern

Auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren Produktion wird grünem Wasserstoff immer mehr eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Bei vielen Experten herrscht die Überzeugung, dass es ohne die Technologie nicht geht.

Noch zu Beginn des Jahres gab es aus der energieintensiven Stahlindustrie allerdings den Ruf nach politischer und finanzieller Hilfe, um einen Beitrag zur CO2-Minderung überhaupt leisten zu können. Reicht die neue Wasserstoffstrategie der Regierung als Antwort aus?

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) besuchte am Montag den Stahlkonzern Salzgitter in Niedersachsen. Mit dabei hat sie den Abgeordneten Stefan Kaufmann, seit wenigen Tagen Innovationsbeauftragter «Grüner Wasserstoff» im Ministerium. Wichtiger als dieser Titel scheint aber die Botschaft dahinter. Denn die Personalie ist Teil der neuen nationalen Wasserstoffstrategie, mit der Deutschland bei der grünen Technik weltweit führend werden will. Gelingt damit ein Schulterschluss zwischen Industrie, Wissenschaft und Politik? Zumindest sitzen in Salzgitter Vertreter aller Bereiche zusammen.

Wasserstoff entsteht zum Beispiel durch Elektrolyse von Wasser, das in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten wird. Dafür braucht es elektrischen Strom. Stammt dieser ausschließlich aus erneuerbaren Energien, wird das Ergebnis als grüner Wasserstoff bezeichnet. Dieser steht im Zentrum der Wasserstoffstrategie, weil in Industrie und Verkehr die Nutzung von Kohle, Öl und Erdgas reduziert werden soll. Grauer Wasserstoff wird dagegen aus fossiler Energie wie etwa Erdgas hergestellt. Das dabei entstehende CO2 wird in die Atmosphäre abgegeben und verstärkt den globalen Treibhauseffekt.

Grün ist also die Farbe der Hoffnung - auch für den Umbau der Stahlindustrie. Vor einem Monat verabschiedete das Bundeskabinett das Programm, das Milliarden-Zuschüsse, rechtliche Erleichterungen und konkrete Produktionsziele vorsieht. Mit Förderprogrammen und sieben Milliarden Euro soll erreicht werden, dass sich Wasserstoff am Markt durchsetzt, weitere zwei Milliarden sind für internationale Partnerschaften eingeplant. «Der Schlüssel, um die Stahlbranche in Deutschland zu halten, ist der Einsatz von grünem Wasserstoff», sagte Karliczek in Salzgitter.

Dort informierte sich die Ministerin über ein Projekt, mit dem der Stahlhersteller den CO2-Ausstoß erheblich senken will. Als Teil der Klimastrategie des Unternehmens soll Kohle bei der Erzeugung von Eisen schrittweise durch Wasserstoff und Strom aus erneuerbaren Quellen ersetzt werden. Am Ende stünde eine Verminderung der CO2-Emissionen um 95 Prozent. Zur Stahlerzeugung mit Wasserstoff prüft der Konzern mit Partnern derzeit einen Standort in Wilhelmshaven. Es werde angestrebt, zwei Millionen Tonnen direktreduziertes Eisen pro Jahr zu erzeugen, das per Bahntransport nach Salzgitter gebracht werden soll, hieß es vor wenigen Tagen.

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) bescheinigt seinem Land auch eine «sehr gute Ausgangslage für die Herstellung grünen Wasserstoffs». Schon heute würden große Mengen regenerativen Stroms dort produziert. Thümler verweist auf «günstige geologische Bedingungen» und ein ausgedehntes Gasnetz, das auch für den Transport von Wasserstoff genutzt werden könnte. Der Bund stelle mit der neuen Strategie bis 2023 rund 310 Millionen Euro für die Förderung von Forschung und Innovation in diesem Bereich zur Verfügung.

Dazu passt auch eine anvisierte Produktion von grünem Wasserstoff in Bremen. Am Kraftwerkstandort Mittelsbüren soll eine Elektrolyse-Anlage entstehen, die das Stahlwerk von ArcelorMittal versorgt. Eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnete der Stahlbauer am Montag mit dem Energieunternehmen EWE und dessen Tochterfirma swb.

Noch im Januar hatte Salzgitter-Vorstand Heinz Jörg Fuhrmann betont: «Die Stahlindustrie ist zwar in der Lage, einen substanziellen eigenen finanziellen Beitrag zur CO2-Minderung unserer Gesellschaft zu leisten, aber ohne eine öffentliche Anschub-Finanzierung wird das nicht umzusetzen sein». Nun gibt es die Wasserstrategie und auch die EU will den Energieträger bis 2030 wettbewerbsfähig machen und die Energiewende in Europa voranbringen.

Auf der Hauptversammlung des Konzerns vor wenigen Tagen bewertete Fuhrmann die jüngsten Maßnahmen der deutschen Regierung und der EU-Kommission positiv. Das Konjunkturpaket und die Wasserstoffstrategien des Bundes und der EU seien geeignet, bei der Dekarbonisierung der Industrie zügige Fortschritte zu unterstützen. Dasselbe gelte auch für das «Handlungskonzept Stahl», sagte Fuhrmann. Das will die Bundesregierung am Mittwoch im Kabinett verabschieden.

© dpa-infocom, dpa:200713-99-767001/5

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13. 07. 2020
22:26 Uhr

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