Wissenschaft

Experte: Neue Corona-Schnelltests nicht absolut zuverlässig

Der Pharmakonzern Roche möchte noch im September Millionen Corona-Antigen-Schnelltests auf den Markt bringen. Ein Experte warnt vor falschen Hoffnungen auf absolute Zuverlässigkeit solcher Tests.



Matthias Orth
Priv.-Doz. Dr. Matthias Orth ist Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Laborärzte und Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Marienhospital in Stuttgart.   Foto: DGKL/Dt. Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin/dpa

Die angekündigten Corona-Antigen-Schnelltests des schweizerischen Pharmakonzerns Roche sollten einem Experten zufolge mit Bedacht bewertet werden.

«Wir können bei den Antigen-Schnelltests nicht sichergehen, dass sie immer ein richtiges Ergebnis liefern», sagte Matthias Orth, Chefarzt des Instituts für Laboratoriumsmedizin im Marienhospital in Stuttgart, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Das Unternehmen Roche hatte zuvor mitgeteilt, dass die Schnelltests noch im laufenden Monat auf den Markt kommen sollen. Das Testergebnis stehe in der Regel in 15 Minuten fest und die Zuverlässigkeit sei sehr hoch.

Orth sagte, dass die Zuverlässigkeit vor allem an der Spezifität und der Sensitivität von Tests gemessen werde. Da es viele verwandte Corona-Viren gebe, sei es wichtig, dass ein Test spezifisch Sars-CoV-2 erkenne. Gleichzeitig müsse ein verlässlicher Test empfindlich genug sein, um auch bei einer geringen Anzahl von Viren diese zu erkennen. Roche zufolge liegt die Spezifität der neuen Antigen-Tests bei etwa 99.68 Prozent und die Sensitivität bei 96.52 Prozent.

«Die Zahlen hören sich zu gut an», so Orth. Bei anderen Studien mit Antigen-Tests lägen die Werte bei etwa 80 Prozent. Unterschiedliche Werte ergäben sich etwa abhängig davon, ob symptomatische oder Infizierte ohne Symptome getestet werden. «Ein Antigen-Test ist nie so genau wie ein PCR-Test.»

PCR-Tests sind die derzeit gängigste Test-Variante. Dabei werden die Proben im Labor auf Genmaterial der Viren untersucht. Bei einem Antigen-Test werden Orth zufolge Proteine nachgewiesen, die von den Viren produziert werden. Die Proteine seien aber eben nicht so unterschiedlich zwischen den verschiedenen Viren-Familien.

Allerdings sei die Genauigkeit der PCR-Tests auch nicht immer von Vorteil: Eine PCR-Testung könne auch «Viren-Leichen» nachweisen, also Rückstände von Viren. Dann falle der Test positiv aus, aber der Träger sei mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr infektiös.

Die geringere Empfindlichkeit der Antigen-Tests führe dazu, dass die Tests eher bei einem stärkeren Virenbefall anschlagen. «Daher kann es sein, dass der Antigen-Test mehr die Infektiosität nachweist als der PCR-Test. Das ist ein gewisser Vorteil», so Orth. Demnach wäre der Einsatz solcher Tests bei gesunden Menschen sinnvoll - wie beispielsweise bei regelmäßigen Testungen von Schülerinnen und Schülern.

«In der Patientendiagnostik und bei Reiserückkehrern haben die Antigen-Tests aber nichts verloren», so Orth. Zu hoch sei das Risiko, dass man bei vorerkrankten Menschen grünes Licht gebe, obwohl eventuell eine Infektion vorliegt - und es dann zu einem Notfall kommt. Die Schnelltests seien also in manchen Bereichen eine sinnvolle Ergänzung, könnten aber die PCR-Testungen nicht ersetzen.

Die Antigen-Schnelltests könnten der Unternehmens-Mitteilung zufolge ohne Laborinfrastruktur durchgeführt werden. Für Orth eine kritisch zu sehende Aussage: Theoretisch sei das zwar möglich, aber da die Entnahme der Probe schmerzhaft sein könne, sei er sich unsicher, dass sie tatsächlich immer korrekt ausgeführt werde - also die Stäbchen wirklich tief in den Rachen oder die Nase gesteckt werden.

Zudem sehe das Infektionsschutzgesetz in Deutschland vor, dass nur Ärztinnen und Ärzte eine Infektion nachweisen dürfen. Daher werden die Tests vermutlich nicht an Apotheken geliefert. Doch es könne sein, dass nach der Markteinführung Arztpraxen fortan den Test anbieten. Laut Roche stehen monatlich 40 Millionen Schnelltests zur Verfügung. Diese Kapazität werde sich bis Ende des Jahres mehr als verdoppeln.

Der Test soll laut den Angaben Ende September zunächst in Europa (Länder mit CE-Kennzeichnung) lanciert werden. Es sei aber geplant, auch in den USA bei der zuständigen Behörde FDA eine schnelle Zulassung (Emergency Use Authorisation) zu beantragen.

© dpa-infocom, dpa:200902-99-405517/3

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Veröffentlicht am:
02. 09. 2020
16:33 Uhr

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02. 09. 2020
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