Wissenschaft

Studien zeigen langfristige Prägung durch die DDR

Planwirtschaft und Reiseverbot auf der einen, soziale Marktwirtschaft und Interrail-Abenteuer auf der anderen Seite. Die so ganz anderen Erfahrungen wirken auch Jahrzehnte nach dem Ende der DDR nach. Das sorgt für unterschiedliche Einstellungen in Ost und West.



Berliner Mauer
Ost- und Westdeutsche sind sich deutlich näher gekommen - ganz verschwunden sind die Unterschiede jedoch nicht.   Foto: Paul Zinken/dpa-Zentralbild/dpa

Das Fremdheitsgefühl zwischen Ost- und Westdeutschen hat 30 Jahre nach der Wiedervereinigung zwar deutlich abgenommen. Ganz verschwunden ist es aber noch immer nicht.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Prägung der Ostdeutschen durch das 1989 untergegangene politische System der DDR bis heute nachwirkt. Das hat eine Gruppe von Wissenschaftlern in einem Sammelband mit dem Titel «Prekärer Zusammenhalt» festgestellt, der in der kommenden Woche erscheint.

Die Forscher haben bei Befragungen über mehrere Jahre festgestellt, dass sich die gesellschaftspolitischen Einstellungen von jüngeren Deutschen, die im Osten aufgewachsen waren und später in den Westen Deutschlands gezogen sind, zwar weniger stark von den Einstellungen der Menschen aus der alten BRD unterscheiden als dies bei den Ostdeutschen, die im Osten blieben, der Fall ist. Die West-Wanderer neigen jedoch nach Erkenntnissen der Soziologen und Psychologen nach wie vor stärker als andere Menschen im Westen Deutschlands zu autoritären Positionen und fremdeln auch mit einigen Grundsätzen der Demokratie.

Ein Beispiel: Dem Satz «Unter bestimmten Umständen ist eine Diktatur die bessere Staatsform» stimmten bei Befragungen rund drei Viertel aller im Westen aufgewachsenen Befragten «gar nicht zu». Von den Ostdeutschen, die heute noch im Osten leben, lehnten rund 55 Prozent diese Aussage in dieser Deutlichkeit ab. Für die im Westen lebenden Menschen mit Ost-Jugend lag der Wert bei etwas über 60 Prozent. Ähnlich verhielt es sich mit der Frage nach härteren Strafen für Straftäter, die als Indikator für autoritäre Einstellungsmuster gilt. Während sich rund 35 Prozent der im Westen Aufgewachsenen voll hinter diese Forderung stellten, waren es unter den Ostdeutschen etwa 55 Prozent. Auch hier fanden sich die nach Westen umgezogenen Deutschen mit ihrer Einstellung in der Mitte wieder.

Für die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sprechen sich bis heute mehr Menschen im Westen aus als im Osten. Auch hier wirkt die DDR nach, in der die Berufstätigkeit von Frauen eine Selbstverständlichkeit war.

Insgesamt führt die Ost-Sozialisation nach Einschätzung der Autoren zu einer «charakteristischen Mischung aus «fortschrittlichen» und «reaktionären» Einstellungen». Diese könne möglicherweise die «häufig anzutreffende gleichzeitige Nähe vieler Ostdeutscher zur Linken und zur AfD - und den scheinbar mühelosen Übergang» von der einen zur anderen Partei erklären.

Die Skepsis vieler Ostdeutscher gegenüber Migration erklärt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), der 1990 Innenminister war, auch mit Verletzungen aus unterschiedlichen Erfahrungen mit der Wiedervereinigung und ihren Folgen. «In dieser Stimmung lassen sich auch Ressentiments gegenüber Menschen aus anderen Teilen der Welt leichter mobilisieren, denn Zuwanderung dieser Art war man praktisch gar nicht gewöhnt», sagte er im Interview mit der Funke Mediengruppe.

Wenig soziologische Daten gibt es bislang zu den sogenannten Wessis im Osten, von den angestammten Bewohnern auch gelegentlich «Wossis» genannt. Tendenziell lässt sich nach Angaben der Soziologen aber feststellen, dass diese Gruppe insgesamt «gebildeter, kosmopolitischer, toleranter, weltoffener, politischer, reicher, privilegierter und grüner» ist als die daheimgebliebenen «Ossis». Dies sei wohl auch der Grund, weshalb ihnen «in der Rhetorik der Rechtsextremen die Rolle eines Lieblingsfeindes zugeschrieben wird».

Stimmten 1991 noch rund 26 Prozent der Bürger auf beiden Seiten der Aussage zu, die Menschen im anderen Teil Deutschlands seien ihnen «fremder als Bürger anderer Staaten», so sahen das 2018 noch rund 16 Prozent der Menschen in Ost und West so.

In den Jahren 1990 bis 2017 hatte der Osten einen dramatischen Bevölkerungsverlust erlebt. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zogen in dieser Zeitspanne 3,9 Millionen Menschen aus dem Osten in den Westen Deutschlands. Im gleichen Zeitraum kamen rund 2,7 Millionen Menschen aus dem Westen in den Osten, darunter zuerst viele Beamte, später kamen auch Studenten hinzu.

Seit 2017 hat sich das geändert. Der Wanderungssaldo gen Osten ist seither sogar leicht positiv. Das liegt unter anderem an gebürtigen «Ossis», die schon älter sind und jetzt mit ihren Ersparnissen in die alte Heimat ziehen, aber auch an Studenten, die es in Universitätsstädte wie Jena oder Leipzig zieht.

Bis heute ein Problem ist aus Sicht der Soziologen der Männerüberschuss in einigen Kreisen im Osten, der sich aus der höheren Mobilität junger Frauen erklärt. Nach Angaben des Bundesinstituts gibt es vor allem in der Altmark, im südlichen Mecklenburg-Vorpommern und im nördlichen Thüringen Regionen, in denen auf 100 Frauen etwa 120 Männer kommen.

© dpa-infocom, dpa:201002-99-793908/6

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02. 10. 2020
14:53 Uhr

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