Hof

Schulen arbeiten gegen Antisemitismus

Ein Schülerwettbewerb zum Thema Judenfeindlichkeit in Hof bringt bemerkenswerte Beiträge hervor. Die Jury ist baff, wie sich die Jugendlichen der Materie nähern.



Zwei Jungen im derzeit umkämpften Norden Syriens: Das Bild ist am Sonntag entstanden. Weit hergeholt für einen Hofer Wettbewerb zum Thema Antisemitismus? Nicht unbedingt: Zu einem breit aufgestellten Projekt der Münsterschule gehört ein Interview mit zwei ihrer Schülerinnen - Jesidinnen, die aufgrund ihres Glaubens aus Syrien fliehen mussten. Denn die Geschichte des Antisemitismus ist ebenfalls eine Geschichte von Flucht und Vertreibung.	Foto: dpa
Zwei Jungen im derzeit umkämpften Norden Syriens: Das Bild ist am Sonntag entstanden. Weit hergeholt für einen Hofer Wettbewerb zum Thema Antisemitismus? Nicht unbedingt: Zu einem breit aufgestellten Projekt der Münsterschule gehört ein Interview mit zwei ihrer Schülerinnen - Jesidinnen, die aufgrund ihres Glaubens aus Syrien fliehen mussten. Denn die Geschichte des Antisemitismus ist ebenfalls eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Foto: dpa  

Hof - Der Kloß im Hals bleibt noch ein Stück stecken. Denn die Mädchenstimme aus dem Off flüstert nicht nur: sie wispert, wimmert, zittert - die Angst ist fast greifbar. Im Hintergrund ist zu hören, wie SS-Männer in der Nachbarwohnung marodieren - sie stoßen den Geschirrschrank um, werfen Gegenstände aus dem Fenster, zerren die Menschen aus den Betten. "Sie sind drüben bei den Davids. Hört ihr, Frau David weint. Sie haben kein Mitleid", wispert das Mädchen aus dem Lautsprecher. Dann hört man ein Klopfen an der Wohnungstür.

Projekt-Abend

Am Dienstag um 19 Uhr stellt die Münster-Mittelschule ihren Beitrag zum Schülerwettbewerb, das Genre-übergreifende Projekt "Schublade war gestern - ein interaktives Nachdenkprojekt" vor und lädt alle dazu ein.

 

Die Szene ist ein Ausschnitt aus einem zweiteiligen Hörspiel mit etwa 40 Minuten Gesamtlaufzeit, das die Münster-Mittelschule gestaltet hat. Professionell getextet, eingesprochen und vertont, ist es bereits in der näheren Auswahl für den Fränkischen Hörspielpreis - als angenehmer Nebeneffekt. Denn erstellt worden ist es im Rahmen eines Schülerwettbewerbs, den die Hermann-und-Bertl-Müller-Stiftung Anfang des Jahres ausgelobt hatte. "Das Problem heißt: Antisemitismus", so stand es über der Ausschreibung. Die Hofer Schulen waren aufgerufen, sich dem Thema zu nähern und es darzustellen - am besten mit aktuellem Bezug.

 

"Was hat das mit mir zu tun? Das geht mich nichts an": So gibt einer der Beiträge provokant die Mentalität vieler Bürger wieder, wenn sie mit dem Holocaust konfrontiert werden. Dabei seien aktuelle Entwicklungen der beste Beweis dafür, dass sich alle angesprochen fühlen sollten, hatte Dr. Gisela Strunz bei der Begrüßung der Jury betont. Die Vorsitzende der Stiftung ist die treibende Kraft hinter dem Projekt: Daran arbeiten viele Beteiligte schon zehn Monate lang.

Aufhänger war bekanntlich die Erstellung einer Studie über das Schicksal der Hofer Juden während der Zeit der Nationalsozialisten. 1933 zählte Hof 160 jüdische Mitbürger, 1945 gab es keinen einzigen mehr: Sie sind in alle Welt geflohen, vertrieben worden, ermordet worden. Im Rahmen mehrerer Diskussionsrunden erkannten die Beteiligten die Notwendigkeit, das Thema auch in seiner aktuellen Brisanz aufzugreifen. Daher der Schülerwettbewerb: Die Verantwortlichen wollten, dass sich die jungen Hofer Gedanken machen. Von der Qualität und der Professionalität der eingegangenen Beiträge ebenso wie von der Hingabe, mit der sich die Teilnehmer der Aufgabe nun gestellt haben, hätten sie nie zu träumen gewagt.

Sieben Hofer Schulen sowie die VHS Hofer Land haben sich am Wettbewerb beteiligt, eingereicht wurden zehn Beiträge. Sie sind - so hatte es die Jury befürchtet und erhofft - in ihren Ansätzen so grundverschieden, wie man es sich nur vorstellen kann. Das Schiller-Gymnasium hat eine interaktive Web-App programmiert, das "Reinhart" einen literarisch-musikalisch-künstlerischen Abend gestaltet, das Jean-Paul-Gymnasium hat einen Film gedreht, eine BOS-Schülerin hat sich mit der Frage befasst, für wen Hof heute Heimat ist. Die Hofecker Schule hat eine Fotoausstellung mit QR-Codes für weitere Erklärungen zusammengestellt, die Christian-Wolfrum-Schule hat unter anderem Schüler der Israelitischen Kultusgemeinde eingeladen. Ein VHS-Schüler hat Unterrichtseinheiten zum Thema für Flüchtlingsklassen entwickelt, eine VHS-Vorbereitungsklasse hat sich dem Thema künstlerisch genähert. Und die Münster-Mittelschule hat ein "Interaktives Nachdenk-Projekt" mit mehreren Facetten geschaffen, unter anderem dem erwähnten Hörspiel; das Gesamt-Projekt stellt die Schule heute Abend vor. Die Beiträge haben die Juroren begeistert.

Für die hochkarätig besetzte Jury hat sich Gisela Strunz ein Dutzend Mitstreiter geholt. Die Israelitische Kultusgemeinde ist ebenso dabei wie Vertreter der regionalen Kultur-, Historiker- und Medienlandschaft. An zwei langen Abenden haben die Wettbewerbsteilnehmer den Juroren ihre Projekte kurz vorgestellt, danach ging es ans Bewerten. Und das war gar nicht so leicht: zum einen weil die Beiträge so schwer vergleichbar sind, zum anderen, weil die Juroren bisweilen sprachlos darüber waren, zu welchen Leistungen Schüler mit ihren Lehrern - oft genug in ihrer Freizeit - fähig sind. Und das nicht nur Technik- und Medieneinsatz betreffend, sondern auch inhaltlich. Am 7. November sind alle Beteiligten zur Preisverleihung in die VHS Hofer Land eingeladen: Im Beisein des Antisemitismus-Beauftragten Ludwig Spaenle werden dann die Beiträge ausgezeichnet. Bis dahin stellen die Schulen sie in eigenen Aktionen vor - danach sollen sie der Öffentlichkeit mindestens elektronisch zur Verfügung gestellt werden.

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Christoph Plass

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Veröffentlicht am:
22. 10. 2019
00:00 Uhr

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22. 10. 2019
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