Kulmbach

Musik verbindet Konfessionen

Die Kirchenmusiker Christian Reitenspieß und Wolfgang Trottmann referieren beim Tutzinger Freundeskreis. Dabei präsentieren sie auch Hörbeispiele.



Kirchenmusik in Kulmbach (von links): Dekanatskantor Christian Reitenspieß, Bernd Matthes vom Tutzinger Freundeskreis und Regionalkantor Wolfgang Trottmann. Foto: Stephan Herbert Fuchs
Kirchenmusik in Kulmbach (von links): Dekanatskantor Christian Reitenspieß, Bernd Matthes vom Tutzinger Freundeskreis und Regionalkantor Wolfgang Trottmann. Foto: Stephan Herbert Fuchs  

Kulmbach - Mit einer hochkarätigen Veranstaltung hat sich der Kulmbacher Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing nach einem halben Jahr Corona-Pause zurückgemeldet. Mit dem evangelischen Dekanatskantor Christian Reitenspieß und dem katholischen Regionalkantor Wolfgang Trottmann hatte Bernd Matthes vom Freundeskreis die beiden namhaftesten Kirchenmusiker aus der Region eingeladen.

In rund zweieinhalb Stunden spannten beide einen weiten kirchenmusikalischen Bogen von der Gregorianik bis hin zu Pop, Rock und Jazz, stellten dabei die wichtigsten Vertreter der jeweiligen Epochen vor und präsentierten immer wieder auch Hörbeispiele und Lieder zum Mitsingen, natürlich nur mit Maske.

Christian Reitenspieß zog am Ende ein erstaunliches Fazit: In der Musik seien beide Konfessionen längst näher beieinander als in Glaubensfragen. "Wir erleben auf dem Gebiet der Musik ein Zusammenwachsen der Glaubensrichtungen." In den zurückliegenden 60 Jahren deute alles darauf hin, dass die Grenzen verwischen. Zentrale Themen seien der große Reichtum an Vielfalt und die Mystik des Glaubens. Konfessionen spielten dabei keine große Rolle mehr.

Es gebe allerdings einen Zwiespalt zwischen Tradition und Innovation. Das sei aber wahrscheinlich ein ganz normaler Zustand der Kirche und vielleicht auch der gesamten Menschheit. Positiv merkte Christian Reitenspieß an, dass die Kirchenmusik aktuell von einer stilistischen Vielfalt wie nie zuvor geprägt sei. Man erlebe die verschiedensten Strömungen, ganz alte und ganz neue Musik, eine Renaissance der Romantik. Eine größere Entfaltung habe es speziell in der evangelischen Kirchenmusik noch nie gegeben.

Auch sein katholischer Kollege Wolfgang Trottmann, der an der Kulmbacher Hauptkirche "Unsere Liebe Frau" als Organist und Kantor tätig ist, sah die gegenwärtige Situation positiv. Immer wieder meldeten sich freilich auch kritische Stimmen zu Wort, wenn es um Jazz, Schlager, Pop- und Rockmusik in der Kirche und im Gottesdienst geht. "Solche Warnungen sind so alt wie die Kirchenmusik selbst", sagte Trottmann. Als herausragende Beispiele der jüngeren Zeit nannte er Andrew Lloyd Webbers Rock-Oper "Jesus Christ Superstar" und dessen Musical "Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat"

Den Gang durch die Geschichte der Kirchenmusik startete Wolfgang Trottmann allerdings beim Gregorianischen Choral, der, wie er es nannte, ältesten lebendig gebliebenen musikalischen Kunstform. Sie reicht bis in Jahr 600 zurück, in dem Papst Gregor diese Gesänge erstmals sammeln ließ. Erste Formen der Mehrstimmigkeit machte Christian Reitenspieß dann ab dem 13. Jahrhundert fest. Hier tauchten erstmals Formen der Mehrstimmigkeit auf.

Für das neue geistliche Lied sorgte dann Anfang des 16. Jahrhunderts Martin Luther. Reitenspieß nannte ihn einen "Technik-Freak", weil er alle zur Verfügung stehenden Mittel wie Druckerpresse oder Flugblätter nutzte, um das Lied als strategisches Mittel zu nutzen. So sei Luther auch zum "Liedermacher seiner Zeit" geworden, dem die Menschen seine neuen Gesänge teilweise aus den Händen gerissen hätten.

Eine herausragende Persönlichkeit, die auf katholischer Seite die Kirchenmusik in der Folge der Reformation entscheidend beeinflusst hatte, bezeichnete Trottmann den italienischen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina. Er nehme mit 104 komponierten Messen, 375 Motetten sowie zahlreichen weiteren Madrigalen und liturgischen Texten einen ganz hohen Rang in der katholischen Kirchenmusik ein.

Auf evangelischer Seite folgte als bedeutender protestantischer Kirchenmusiker seiner Zeit Heinrich Schütz, von dem im aktuellen evangelischen Gesangbuch noch immer zwei Lieder zu finden sind. Reitenspieß nannte Schütz den musikgeschichtlich ersten wichtigen Vertreter des musikalischen Barock auf deutschen Boden.

Schließlich stellte Christian Reitenspieß auch den "musikalischen Superlativ" Johann Sebastian Bach vor. Kein anderer Komponist habe die Musikgeschichte derart beeinflusst, wie Bach. Kein anderer Komponist steht derart für Kirchenmusik, wie Bach. "Bach ist der Kulminationspunkt des Barockzeitalters". Christian Reitenspieß stellte aber auch eine andere Seite von Bach vor. Zu Lebzeiten sei er gar nicht so berühmt gewesen, habe als rückwärtsgewandt und als "aus der Zeit gefallen" gegolten. Das Interesse an Bach sei nach dessen Tod relativ gering gewesen, bis Felix Mendelssohn Bartholdy 100 Jahre später die Matthäuspassion aufführte und damit die Bach-Renaissance einleitete.

Zwei interessante lokalhistorische Bezüge stellte Wolfgang Trottmann her: Er berichtete von dem 1607 in Kulmbach geborenen Komponisten und Organisten Theophil Staden, der beim historischen Friedensmahl in Nürnberg zum Ende des Dreißigjährigen Krieges seine Friedensgesänge uraufführte. Zweite interessante Persönlichkeit ist der in Kulmbach gestorbene Orgelbauer Matthias Tretzscher. Er war Hoforgelbauer des Markgrafen Christian von Brandenburg-Bayreuth, Ratsherr in Kulmbach und 1684 Gotteshausvorsteher. Tretzscher sei der bedeutendste fränkische Orgelbauer seiner Zeit gewesen, sagte Trottmann.

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Stephan Herbert Fuchs
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Veröffentlicht am:
23. 09. 2020
17:28 Uhr

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Stephan Herbert Fuchs

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Veröffentlicht am:
23. 09. 2020
17:28 Uhr