Kulmbach

Von Walen, Welschen und Venedigern

Gastarbeiterunterkunft, Handelsplatz oder Sage? Ein Wohnhaus an der Hofer Straße wirft Fragen für Heimatforscher auf.



Die ungewöhnliche Tafel prangt an der Fassade der früheren Gärtnerei Zuber zwischen der Blaich und Kauernburg.
Die ungewöhnliche Tafel prangt an der Fassade der früheren Gärtnerei Zuber zwischen der Blaich und Kauernburg.   » zu den Bildern

Kulmbach - Auf alten Kulmbacher Landkarten findet sich zwischen der Blaich und Kauernburg eine Bezeichnung, die an den Süden erinnert: Ein einzelnes Gebäude an der Hofer Straße 27, die ehemalige Gärtnerei Zuber, trägt eine ungewöhnliche Tafel: Darauf heißt es "Venetianischer Stadel". Dieser Hang wird in den Urkunden auch als "Venetianische Leite" bezeichnet.

Der Begriff taucht sowohl in der Grenzbeschreibung des Hutdistrikts von 1740 auf, als auch im Historischen Ortsnamens-Buch von E. von Guttenberg aus dem Jahr 1750. Vermutlich ist die Bezeichnung aber viel älter und wurde schon im Mittelalter verwendet.

Eine eindeutige Erklärung des Namens gibt es bisher nicht, wohl aber drei gut nachvollziehbare Vermutungen von bekannten Historikern.

"Venetianer" als Bauarbeiter auf der Plassenburg: In der Hausordnung der Plassenburg von 1532 wird ein Dolmetscher erwähnt. Das deutet darauf hin, dass dort damals italienische Bauleute arbeiteten. Italiener, auch als "Welschen" benannt, sind am Bau der Burg für Jahrzehnte nachgewiesen, etwa um das Jahr 1552 sogar in erheblich größerer Zahl als deutsche Maurer. Die Entlohnung für die "Welschen" war übrigens mehr als doppelt so hoch wie für die Einheimischen. Neben dem deutschen Baumeister Hans Kopp gab es auch einen, namentlich nicht genannten, italienischen Meister. Man kann sich der Ansicht des ehemaligen Stadtarchivars Richard Lenker anschließen, der "Venetianische Stadel" sei wohl die Unterkunft der an der Plassenburg beschäftigten Italiener gewesen. Ein weiteres Indiz für diese Ansicht ist der große Sandsteinbruch oberhalb des Areals, in dem zum Beispiel für den Wiederaufbau der Stadt nach 1554 Steine gebrochen wurden. Es ist auch durchaus fraglich, ob man die ausländischen Arbeiter so sehr gerne in der Stadt logieren lassen wollte. Auch dieser Gedanke könnte für den Stadel als Unterbringung sprechen. Oder ist ein anderer Hintergrund für die Namensgebung eher zutreffend?

Südländische Gold- und Metallsucher: Hans Edelmann versuchte wohl, die Klärung des Namens mit dem mittelalterlichen Bergbau in Verbindung zu bringen. Möglich erschien auch ein Umschlagplatz für venezianische Waren. Wobei dieser Ort als Handelsplatz vollkommen ungeeignet scheint.

Auch der frühere Stadtarchivar Dr. Wilhelm Lederer neigte zu der Ansicht, dass der Bergbau die Namensgebung beeinflusst habe. In einem Bericht aus dem Jahre 1978 stärkt er Edelmanns Vermutung. "Der Reichtum an edlen Metallen führte sachkundige Fremde ins Land. Man nannte sie die Walen oder Venediger. Diese suchten die deutschen Mittelgebirge nach Schätzen ab. Sie sind seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar und seit dieser Zeit gibt es die sogenannten Walen-Büchlein mit Aufzeichnungen über die Fundstätten.

Der bekannte Wunsiedler Bürger Siegmund Wann (gestorben 1469) hatte aus Venedig eine geborene Walin als Ehefrau mit in die Heimat gebracht. Von ihr hieß es, dass sie "der Alchemie hocherfahren, das Silber und Gold von Zinn scheiden kund". In dieser Kunst seien die Welschen den Deutschen noch hundert Jahre später überlegen gewesen. So weiß dann auch C. Brusch(ius), dem wir die älteste gedruckte Mitteilung über die Anwesenheit fremder Goldsucher im Fichtelgebirge verdanken, zu berichten: "Die Walen oder Venediger und andern pflegen sich zu rühmen, die Schätze und die Reichtümer, die in Deutschlands Gebirgen verborgen liegen, seien ihnen als Fremdlingen besser bekannt als uns Deutschen selbst."

Über diese Walen oder Venediger waren im Volk zahlreiche Überlieferungen im Umlauf. Oft begegnete man diesen meist kleinen Männlein mit spitzen Hüten in Wald und Flur. Es waren einfache Leute, äußerst gesellig und gutmütig. Sie trugen die bekannten Bamberger Spitzkörbe auf dem Rücken und begaben sich ohne weiteren Aufenthalt in ihre Gruben. Nach einigen Monaten kamen sie dann wieder aus dem Berge heraus und wanderten mit ihren wohlverdeckten und zugebundenen Körben ihrer Heimat zu. Um diese Personen ranken sich viele Geschichten und Sagen.

Eine "sagenhafte" Bezeichnung? Beruft sich der Name "Venetianischer Stadel" auf eine Sage? Die Kulmbacher Mundartdichterin Elise Gleichmann bringt in ihren oberfränkischen Volkssagen auch eine Venedigersage:

"Am Fuß der Luisenburg befand sich in früherer Zeit ein alter, ausgetrockneter Graben, über den ein ziemlich breites Brücklein führte. Man nannte es das Silberbrückla und es hieß von jeher, dass es dort nicht richtig sei. Einmal ging ein Weber an diesem Brücklein vorbei, als ihm ein Handwerksbursche in den Weg kam, der angeblich Arbeit suchte. Er fragte den Weber, ob er nicht wisse, wo hier herum das Silberbrücklein sei. Dieses hier ist es, entgegnete der Weber. Wenn dem so ist, so haltet mir einen Augenblick meinen Hut und meinen Rock! Dann kroch der Geselle unter die Brücke und verschwand. Es war ein Venediger, der mit dem Teufel im Bunde war und der auch den Weber verführen wollte, mitzumachen. Ein Klosterbruder, der zufällig des Weges kam, rettete den Weber."

Wer mag nun Recht haben? Das Haus in der Hofer Straße zwischen der Blaich und Kauernburg zeigt zumindest, dass es in der unmittelbaren Nachbarschaft noch kleine Geheimnisse gibt, die gelüftet werden wollen.

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Erich, Marcus Olbrich
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Veröffentlicht am:
25. 10. 2020
17:54 Uhr

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25. 10. 2020
17:54 Uhr