Kulmbach

Wie kam die Kartoffelpresse über die Grenze?

Warum kleine Dinge oft die wertvollsten sind: Eine deutsch-deutsche Geschichte über Flucht, neue Heimat, Wiedervereinigung auf Raten und ein Kulmbacher Museum.



Das Ehepaar Edeltraud und Karl Gerlinger (Mitte) "beliefern" die Museen im Mönchshof mit allerlei historischem Hausrat, der eine ganz eigene Geschichte der Wiedervereinigung erzählt. Mit im Bild Karola Helm, Verantwortliche für das Museumspädagogische Zentrum und Eventmanagerin der Museen im Kulmbacher Mönchshof (links), und geschäftsführender Museumsleiter Bernhard Sauermann.	Foto: Sigrid Daum-Sauermann
Das Ehepaar Edeltraud und Karl Gerlinger (Mitte) "beliefern" die Museen im Mönchshof mit allerlei historischem Hausrat, der eine ganz eigene Geschichte der Wiedervereinigung erzählt. Mit im Bild Karola Helm, Verantwortliche für das Museumspädagogische Zentrum und Eventmanagerin der Museen im Kulmbacher Mönchshof (links), und geschäftsführender Museumsleiter Bernhard Sauermann. Foto: Sigrid Daum-Sauermann  

Kulmbach - "Jeden Sonntag gab es Klöße und meistens dazu einen Karnickelbraten", erinnert sich Edeltraud Gerlinger, als sie und ihr Mann mit allerlei Küchenutensilien bei Bernhard Sauermann, dem Museumsleiter im Kulmbacher Mönchshof, ankamen. Es waren für sie wertvolle Gegenstände aus ihrer thüringischen Heimat, von denen sie sich nun trennen wollte. Im Gepäck hatte sie neben einem tönernen Topf zum Einmachen von Gurken, einem Honigtopf und einem Schmalztopf alles, was eine tüchtige thüringische Hausfrau zum Klößemachen braucht: die große Reibe und die Schüssel, in die am Sonntag die Kartoffeln gerieben wurden, sowie die hölzerne Kartoffelpresse mit den dazugehörigen Säckchen für die geriebene Kartoffelmasse und nicht zu vergessen, den Quirl. "Oft sind es die kleinen Dinge, die große Geschichte schreiben", resümiert Bernhard Sauermann. "Sie berichten von Menschen, ihren großen und kleinen Nöten und ihrem Glück. Von daher sind sie es allemal wert, mit ihrer Botschaft im Museum zu überdauern."

Die Wissenschaft der echten Thüringer Klöße: Edeltraud Gerlinger erinnert sich: "Schon am Samstag begannen die Vorbereitungen und die damit verbundene Aufregung. Wir Töchter mussten die Kartoffeln schälen. Berge von Kartoffeln, denn die Klöße mussten für zwei Tage reichen. Und zwar nicht irgendwelche Kartoffeln, sondern sie mussten eine ganz bestimmte Konsistenz und Färbung haben - nicht zu fest und schön goldgelb wollte sie meine Mutter haben." Man sieht es ihr an, dass sich die Begeisterung der Mädels damals wohl in Grenzen gehalten hat.

"Und jeden Sonntag waren wir von neun bis vierzehn Uhr mit der Zu- und Nachbereitung des Mittagessens in der Küche beschäftigt. Zuerst wurden zwei Drittel der rohen Kartoffeln gerieben. Wie oft gab es dabei blutige Finger. Und ein Drittel der Kartoffeln wurde mit Salz zu einem Brei gekocht." Dann wurden die geriebenen Kartoffeln nach und nach portionsweise in die Baumwollsäckchen gefüllt und mit der hölzernen Kartoffelpresse die Flüssigkeit herausgepresst. Zu der nun trockenen Kartoffelmasse gab man die zurückgebliebene Kartoffelstärke dazu, brühte dies mit dem heißen Kartoffelbrei und vermengte alles mit einem großen hölzernen Quirl zu einem lockeren Kloßteig.

"Dieser Quirl wurde sehr in Anspruch genommen und hielt immer nur etwa ein Jahr. Jedes Jahr wurde der Christbaum danach ausgesucht, ob der Stamm eine Reihe Zweige aufwies, aus denen sich gut ein Quirl schnitzen ließ. Es war eine Wissenschaft für sich, genau so viel Wasser zuzugeben, dass der Teig weich genug war für die ,richtigen Thüringer Klöße‘, die fast auseinanderfließen sollen, aber eben nur fast", erzählt Edeltraud Gerlinger.

Die sowjetischen Besatzer nahmen den Vater in Haft: Die Familie lebte in Arnsbach, das liegt zwischen Saalfeld und Probstzella. Der Vater von Edeltraud Gerlinger, Walter Schütze, hatte dort ein stattliches Säge- und Hobelwerk mit Holzgroßhandlung, bis er im Juli 1949 von der sowjetischen Besatzungsmacht inhaftiert und enteignet wurde. Die Haftbedingungen waren hart und Walter Gerlinger wurde krank und als "nicht haftgeeignet" in den gesicherten Trakt des Krankenhauses in Saalfeld gebracht.

Der 7. Oktober 1949 brachte eine weitere Aufregung in das Leben der thüringischen Familie. Der 2. Deutsche Volksrat erklärte sich zur Provisorischen Volkskammer und setzte die Verfassung der DDR in Kraft, womit die Deutsche Demokratische Republik gegründet war, die unverzüglich mit der Abriegelung ihres Hoheitsgebietes begann.

Eine abenteuerliche Rettungsaktion: Es war der 9. November 1949, als Edeltraud Gerlinger bei Nacht und Nebel mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ihren Heimatort Arnsbach verließ. Sie "befreiten" Walter Schütze, um in einer mühsamen Route erst einmal über Ost- nach Westberlin zu gelangen. Wegen der zu erwartenden Kontrollen auf dem Territorium der soeben gegründeten Deutschen Demokratischen Republik musste die Familie darauf verzichten, außer den Kleidern, die sie am Leib trug, irgendwelche weitere Kleidung, Hausrat oder Einrichtungsgegenstände mitzunehmen. Den Kindern wurde eingeschärft, nichts zu sagen, wenn Beamte der Volkspolizei sie fragen würden. Die damals achtjährige Edeltraud spürt heute noch die große Last, die ihr damit aufgebürdet wurde, denn wäre die Flucht aufgeflogen, hätte das für die Familie wegen Republikflucht Internierung oder Schlimmeres bedeutet.

Flucht über Berlin in die Blaich: Von Westberlin führte ihre Flucht dann per Luftbrücke nach Frankfurt am Main und von dort per Bahn nach Kulmbach in die Blaich. Der damalige Kulmbacher Polizeichef Ernst Pongratz und seine Familie gewährten den Flüchtlingen in ihrer Wohnung Unterkunft und die beiden Mädchen gingen fortan in die Blaicher Schule. Edeltraud Gerlinger erinnert sich noch dankbar an diese Zeit: "Die großzügige Unterstützung der Familie Pongratz hat meinen Eltern und uns Kindern wieder auf die Beine geholfen und die Schulspeisung hat uns das Überleben gesichert. Der Hausmeister mochte uns. Er wusste, dass wir absolut mittellos waren und gab uns immer noch ein bisschen was für zu Hause mit." Sehr gut konnte sie sich noch an "die gute Blutwurst von Sauermann" erinnern und an die leckeren Schweinshaxen, was den Museumsleiter außerordentlich erfreute.

Stationen in Döllnitz und Mannsflur: Der Vater von Edeltraud Gerlinger, Walter Schütze, hatte in Arnsbach sein Säge- und Hobelwerk mit Holzgroßhandlung wegen der Enteignung zurücklassen müssen. In Kulmbach war er arbeitslos. Durch Zufall bekam er Kontakt zu Geheimrat Fritz Hornschuh, der in Mainleus auch ein Sägewerk besaß. Ihn konnte er in holztechnischen Fragen gut beraten. Das Honorar dafür nutzte er als Startkapital, um in Döllnitz die Schneidmühle zu pachten und einen Holzhandel zu beginnen. 1955 gründete er dann in Krumme Fohre eine Fabrik, in der er Holzgestelle für Polstermöbel herstellte.

Anfänglich wohnte die vierköpfige Familie Schütze in der Döllnitzer Mühle in eineinhalb Zimmern, gelangte aber bereits 1953 in der Siedlung Mannsflur zu einem eigenen Häuschen, dessen Haushalt Edeltraud Gerlinger nun auflöste und einige Stücke davon den Museen im Mönchshof übergab.

Hausrat über die Grenze geschmuggelt: Bleibt nur noch die Frage, wie kamen diese Sachen aus Thüringen nach Oberfranken? Edeltraud Gerlinger erzählt: "Während des ersten Sommers in Kulmbach waren die Grenzen noch nicht überall durch Zäune gesichert, sondern es gab Patrouillen. Unsere zurückgebliebene Verwandtschaft in Thüringen hatte ausgekundschaftet, dass es ein Zeitfenster von etwa einer Stunde gab, in der die thüringisch/bayerische Grenze an einer bestimmten Stelle bei Falkenstein (Probstzella/Lauenstein) unbewacht war. Dorthin sind wir dann Sonntag für Sonntag mit ein bisschen Brotzeit ,zum Heidelbeerenpflücken‘ gefahren, das war jedes Mal ein kleines Familientreffen mit den Verwandten aus dem Osten. Dabei hat meine Großmutter immer etwas aus unserer ehemaligen Wohnung mitgeschleppt, so viel sie tragen konnte. Eine Wiedervereinigung auf Raten mit unserem Hausrat. Einmal war es eine Schreibmaschine, einmal eine Standuhr und ab und zu Küchengeräte, wie zum Beispiel die ganz wichtige Kartoffelpresse. Nun konnte es sonntags wieder Thüringer Klöße geben, ganz wie in der ehemaligen Heimat."

Autor

Sigrid Daum-Sauermann
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 10. 2020
17:32 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
DDR Familien Hausfrauen Hausrat Museumsleiter Mädchen Mütter Polizeichefs Schwestern Verwandte Volkskammer Volkspolizei
Kulmbach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Endlich wieder vereint: Familienvater Abd Almoumn Alksti ist jetzt gemeinsam mit Sohn Awar, Ehefrau Hanan Badr Sohn und Tochter Nour in Stadtsteinach zu Hause.	Foto: Gabriele Fölsche

18.10.2020

Glücklich - auch mit wenig Geld

Weil er um sein Leben fürchten musste, ist Abd Almoumn Alksti vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland geflohen. Nun gelang es den 49-Jährigen, seine Familie nach Stadtsteinach zu holen. » mehr

Auch die Umzüge leiden unter Corona. Foto: Henning Rosenbusch/Archiv

10.11.2020

Alternativen zu den Martinsumzügen

Die Kindertagesstätten werden in diesem Jahr wegen Corona den Martinstag anders feiern als bisher. Lieder und Laternen werden aber oft bleiben. » mehr

Das älteste Portrait aus der Ahnengalerie des Thurnauer Schlosses ist ein Ölgemälde aus dem Jahr 1578. Es zeigt Wolff Förtsch (1510-1551) in ganzer Gestalt und Lebensgröße. Foto: Karl Hiller von Gaertringen

31.07.2020

Die Keimzelle des Thurnauer Adels

Das älteste Ahnenporträt aus dem Schloss zeigt Wolff Förtsch von Thurnau. Weil aus seinen Ehen nur Töchter hervorgingen, traten die Familien von Giech und von Künßberg sein Erbe an. » mehr

"Vom Bauernbub zum Telstars-Peter" heißt das Buch, in dem Peter Stübinger seine Erinnerungen an ein ebenso ungewöhnliches wie erfolgreiches und meistens auch glückliches Leben beschrieben hat. Foto: Melitta Burger

22.11.2020

Geschichten eines unglaublichen Lebens

Peter Stübinger, der "Telstars-Peter", hat in einem Buch beschrieben, was er alles erlebt hat: das harte Leben auf einem Bauernhof ebenso wie den Erfolg als Musiker. » mehr

Mit ihrer Halbschwester Doris (links) unternahm Margitta Gückel einen Ausflug in das Zillertal zum Stausee Schlegeis. Foto: privat

23.08.2020

Margitta Gückel findet ihre Halbgeschwister

Im Alter von mehr als 60 Jahren entdeckt eine Frau, dass ihre Familie weit größer ist, als sie je dachte. Darüber hat sie jetzt ein Buch geschrieben, das bei den Lesern gut ankommt. » mehr

Friedrich Baur, der Gründer des Burgkunstadter Schuhversandhauses, ist der Bruder "Claire Bauroffs". Foto: Ralf Georg Czapla

21.08.2020

Die perfekte Inszenierung der Nacktheit

Erotik pur und immer eine Spur Rebellion: Claire Bauroff, die Schwester des in Stadtsteinach geborenen Versandhauschefs Friedrich Baur, feiert in den Goldenen Zwanzigern in Wien, München und Berlin als Tänzerin Triumphe. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

29.11.2020 Bilder Lebkuchenmarkt Rehau - Sonntag

Lebkuchenmarkt Rehau - Sonntag | 29.11.2020 Rehau
» 40 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor

Sigrid Daum-Sauermann

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 10. 2020
17:32 Uhr