Länderspiegel

Editorial

Die Mauer im Kopf einreißen!

30 Jahre nach der Wiedervereinigung sollten wir Unterschiede als Bereicherung begreifen, weil es nirgendwo gleiche Lebensverhältnisse gibt. Gedanken zur Einheit von Chefredakteur Marcel Auermann.



Ost. West. Diese beiden Worte beschreiben Himmelsrichtungen. Nicht mehr, nicht weniger. Eigentlich. Viele, die in Deutschland leben, verbinden damit jedoch noch immer die Unterscheidung in die sogenannten neuen und alten Bundesländer. 40 Jahre deutsche Teilung haben ihre tiefen Spuren hinterlassen. Selbst zum Tag der Deutschen Einheit, den wir an diesem Samstag zum 30. Mal feiern, scheint die Republik nicht so einig wie gedacht.

Gerne werden Statistiken bemüht, um diese Unterschiede zu unterfüttern und auch noch dem Letzten zu verdeutlichen, dass da angeblich irgendetwas noch nicht stimmt. Die Deka-Bank ermittelte, dass die privaten Geldvermögen im Osten um 36 Prozent unter denen im Westen liegen. Das durchschnittlich verfügbare Einkommen im Osten liegt laut Jahresbericht der Bundesregierung bei 86 Prozent des Westniveaus. Zur Wahrheit gehört allerdings, dass vergleichsweise günstige Preise etwa für Mieten und Bauland in Ostdeutschland den Rückstand beim verfügbaren Einkommen deutlich kompensieren können. In Top-Positionen in Wirtschaft, Justiz, Verwaltung oder bei Hochschulen sind Ostdeutsche weit unterrepräsentiert.

Ja, natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Vor allem die Politik der Treuhand, die wie ein Rasenmäher ohne Rücksicht auf Verluste über alles hinwegfegte, zerstörte Existenzen, hinterließ Arbeitslose und machte überlebensfähige Industrien platt. So etwas wirkt nach. Dass so etwas Positives wie die Selbstverständlichkeit von Kinderbetreuung und die Polikliniken nicht auf ganz Deutschland übertragen wurden, sorgte für berechtigte Skepsis.

Doch bei allem Pessimismus, der übrigens - und das eint dann doch alle - bei den Menschen in Ost und West weit verbreitet ist, gibt es sehr viel zu feiern. Es sind in ganz Deutschland Freiheit und Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit entstanden. Freie und geheime Wahlen sind Alltag. Schreckliche Dinge wie Mauer und Stacheldraht, Schießbefehl und Todesschüsse gehören der Vergangenheit an. Infrastruktur wurde geschaffen. Wenn wir über die wachsende Bedeutung des Umwelt- und Klimaschutzes sprechen, dann wurde im Vergleich zum Jahr 1990 in diesem Bereich viel vorangebracht. Man schaue sich beispielsweise nur den Wandel in einem Ort wie Bitterfeld an.

Im wirtschaftlichen und sozialen Bereich ist der Aufholprozess des Ostens deutlich vorangekommen. Die Arbeitslosenquote lag im August im Westen bei 6,1 Prozent, im Osten war sie mit 7,8 Prozent nur leicht höher. Bei den Renten ist ein Ende der Ungleichheit absehbar, bis 1. Juli 2024 sollen die Ost-Renten komplett auf West-Niveau sein.

In 30 Jahren ist unglaublich viel entstanden, das in drei Jahrzehnten wohl so normal, so alltäglich geworden ist, dass wir es bei aller Nörgelei, bei allem Frust, bei allen Zweifeln allzu oft vergessen. Dabei müssten wir dieses unendliche Glück am Tag der Deutschen Einheit feiern. Wir sollten den 30. Geburtstag der Wiedervereinigung dazu nutzen, in eine weitere Phase des Zusammenwachsens einzutreten. Diese könnte damit beginnen, die Mauern im Kopf weiter abzubauen. Noch viel zu oft denken wir in Schubladen, pflegen falsche Vorurteile. Schon allein die Einteilung in Ossis und Wessis gehört nicht mehr in unsere Zeit. Wir unterteilen auch nicht in Nordis und Südis. Wir sollten uns endlich als ein Deutschland begreifen! Seit Jahren, aber durch die Corona-Pandemie erst recht, urlauben jährlich Hunderttausende auf Rügen oder in Warnemünde genauso gerne wie auf Mallorca oder den griechischen Inseln. Schon lange steht Bautzner Senf im Kühlschrank und liegen Halloren-Pralinen in der Süßigkeitenschublade. Oder waschen wir das Geschirr mit Fit-Spülmittel ab.

Längst differenzieren wir in vielen Bereichen nicht mehr in Ost und West. Dieses Denken sollte alle Lebensbereiche erfassen. Wir sollten begreifen, dass es Unterschiede gibt, weil wir ein Land mit vielen Mentalitäten, vielen Gegebenheiten sind. Weil die Republik aus Norden, Osten, Süden, Westen, aus 16 Bundesländern besteht. Bayern sind eben keine Bremer. Baden-Württemberger keine Berliner. Sachsen keine Saarländer. Genauso wenig ticken Thüringer wie Nordrhein-Westfalen. Gleiche Lebensverhältnisse gibt es nirgends. Diese Unterschiede, diese Vielfalt, diese Diversität sollten wir nutzen und als Bereicherung für uns alle sehen.

Diese riesige Bandbreite der deutschen Einheit wollen wir mit dieser opulenten Themenausgabe zu "30 Jahre Wiedervereinigung" aufzeigen - und können sie am Ende doch nur anreißen, weil diese deutsch-deutsche Geschichte Bibliotheken füllt.

Ich wünsche Ihnen anregende Lektüre und einen friedlichen, nachdenklichen Feiertag!

marcel.auermann@frankenpost.de

Autor
Marcel Auermann

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Veröffentlicht am:
01. 10. 2020
20:27 Uhr

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01. 10. 2020
20:27 Uhr