Länderspiegel

Heilige Drei Könige im Kreuzfeuer

Ist die Darstellung der Weisen aus dem Morgenland mit dem schwarzen Melchior rassistisch? Über diese Frage ist eine Debatte entbrannt. Entfacht hat sie eine Kirchengemeinde in Ulm.



Auch die Sternsinger hat die Debatte erwischt: "Ist es angemessen, dass einer von ihnen schwarz angemalt wird?" Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Auch die Sternsinger hat die Debatte erwischt: "Ist es angemessen, dass einer von ihnen schwarz angemalt wird?" Foto: Frank Rumpenhorst/dpa  

München/Ulm - Caspar, Melchior und Balthasar gehören zur Weihnachtsgeschichte wie die Hirten, wie die Engel, wie Ochs und Esel. Doch ist das richtig so? Seit eine evangelische Kirchengemeinde aus Ulm die Heiligen Drei Könige wegen rassistischer Merkmale vorsorglich aus ihrer Weihnachtskrippe verbannen will, gibt es eine Debatte darüber, wie man die Weisen aus dem Morgenland heutzutage darstellen darf. Auch wenn es bis Weihnachten noch eine ganze Weile hin ist. "Die Holzfigur des Melchior ist etwa mit seinen dicken Lippen und der unförmigen Statur aus heutiger Sicht eindeutig als rassistisch anzusehen", begründet der Dekan der evangelischen Münstergemeinde, Ernst-Wilhelm Gohl, die Entscheidung. Das schlägt Wellen. Während es auch im Erzbistum München und Freising eine Diskussion gibt, heißt es aus dem Bistum Passau: "Zunächst hat uns diese Thematik sprachlos gemacht."

Der Sprecher des Bistums Regensburg, Clemens Neck, kann die Entscheidung nicht verstehen. "Klar ist, dass die Darstellung des Königs Melchior als Mensch schwarzer Hautfarbe nichts gemein hat mit rassistischem Denken. So beraubt man mit Unterstellungen eine lange Tradition ihrer Unbefangenheit und unterwirft sie einem unangemessenen Anpassungsdruck."

Die "Passauer Neue Presse" veröffentlichte am Freitag eine ganze Sonderseite mit Briefen empörter Leser: "Unsinn in Perfektion" und "lächerlicher Kniefall vor einer vermuteten öffentlichen Meinung". Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland hingegen findet die Entscheidung richtig. "Es zeigt, dass es inzwischen einen konsequenteren Umgang mit Rassismus gibt", sagt Sprecher Tahir Della. "Ich sehe die politischen Verantwortungsträger in der Pflicht." Mit Blick auf Grundwerte der Gesellschaft sollten sie auch Entscheidungen treffen, die nicht sofort von der Mehrheit getragen würden.

Von einer "sehr zwiegespaltenen Situation" spricht Jürgen Bärsch, Prodekan der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. "Im Ulmer Fall ist es sehr markant, dass Stereotype bedient werden, die problematisch sind." Zwar handle es sich um eine ältere Darstellung, die im Kontext ihrer Zeit gesehen werden müsse. "Aber man muss sich bei dieser Diskussion auch vor Augen halten, dass wir heute eine andere Sensibilität haben - vor allem durch die aktuelle Rassismus-Debatte in den USA."

Der Kunsthistoriker Stephan Hoppe von der Ludwig-Maximilians-Universität München beurteilt Eingriffe in Kunst grundsätzlich kritisch. "Man kann die Geschichte ergänzen und kommentieren. Aber man kann sich die Geschichte nicht hinbiegen, wie man sie gerne hätte."

Für den Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sind die Heiligen Drei Könige vor allem "Teil der Faszination der Weihnachtsgeschichte". "Für mich ist entscheidend, ob mit der Darstellung unterschiedlicher Hautfarben implizit oder explizit unterschiedliche Wertigkeiten zugeschrieben werden", sagt der bayerische Landesbischof. "Bei den Heiligen Drei Königen geht es um hochstehende Persönlichkeiten, die zusammen mit den armen Hirten zur Krippe kommen. Unterschiedliche Wertigkeiten werden hier gerade nicht zugeschrieben. Im Gegenteil."

Doch die Debatte geht nicht nur um die Darstellung der Könige in Krippen. "Es gibt eine vergleichbare Diskussion auch im Blick auf das Sternsingen", sagt Bärsch. "Ist es angemessen, dass einer der Sternsinger schwarz angemalt wird?" In Deutschland ziehen rund um den Dreikönigstag am 6. Januar jedes Jahr etwa 300 000 Sternsinger von Haus zu Haus, um Spenden zu sammeln. Die Träger der Aktion Dreikönigssingen - Kindermissionswerk und Bund der Deutschen Katholischen Jugend - empfehlen, kein Kind mehr schwarz zu schminken.

Der Brauch habe nichts mit rassistischem "Blackfacing" zu tun, heißt es auf der Homepage des Missionswerks. Er gehe darauf zurück, dass Caspar, Melchior und Balthasar die drei früher bekannten Erdteile Asien, Afrika und Europa repräsentierten. Der schwarze König steht dabei für Afrika. "Gleichwohl geht die Gleichsetzung von Hautfarbe und Herkunft heute nicht mehr auf. Wir glauben, dass der ursprüngliche Sinn der Tradition besser deutlich wird, wenn Kinder als Sternsinger so gehen, wie sie eben sind: vielfältig in ihrem Aussehen."

Autor

Britta Schultejans, Sebastian Schlenker
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Veröffentlicht am:
12. 10. 2020
08:20 Uhr

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Britta Schultejans, Sebastian Schlenker

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Veröffentlicht am:
12. 10. 2020
08:20 Uhr