Sport

Erste Schritte für einen Neustart

Der 1. FC Nürnberg zieht die Konsequenzen aus der misslungenen Zweitliga-Saison. Sportvorstand Robert Palikuca verlässt den Club. Aber nicht sofort.



Aufsichtsratschef Thomas Grethlein (links) begibt sich nun auf die Suche nach einem neuen Sportvorstand. Über den neuen Mann muss dann der Aufsichtsrat befinden - mit Günter Koch. Foto: Sportfoto Zink/Daniel Marr
Aufsichtsratschef Thomas Grethlein (links) begibt sich nun auf die Suche nach einem neuen Sportvorstand. Über den neuen Mann muss dann der Aufsichtsrat befinden - mit Günter Koch. Foto: Sportfoto Zink/Daniel Marr   » zu den Bildern

Nürnberg - Als der 1. FC Nürnberg am Dienstagnachmittag, kurz vor 16 Uhr, ankündigte, dass nur eine Stunde später eine Pressekonferenz stattfinden würde, verwunderte ein Name auf der Einladung: Robert Palikuca. Die Spatzen hatten es am Valznerweiher längst von den Dächern gepfiffen, dass die Zukunft des Club-Sportvorstands auf tönernen Füßen stehen würde. Der öffentliche Druck war groß, nicht wenige Fans wollten ihn die Wüste jagen. Oder zumindest aus dem Club-Chefbüro.

Doch was sollte seine Teilnahme an der Pressekonferenz mit Aufsichtsratschef Thomas Grethlein bedeuten? Würde er doch bleiben dürfen, zumal der Druck nach dem Last-Second-Klassenerhalt in Ingolstadt groß ist? Die Antwort, die der 1. FC Nürnberg darauf gab, beinhaltete beides: Ja, Palikuca muss gehen. Man habe sich einvernehmlich voneinander getrennt, sagte Grethlein. Aber nein, nicht gleich sofort, sondern erst zum 31. Juli.

Der Aufsichtsrat fällte damit eine höchst ungewöhnliche Entscheidung, bleibt doch derjenige weiterhin in Verantwortung, der für die "schlechte Saison" (Grethlein) die Verantwortung trägt. Die Nürnberger Lösung, um diesem Eindruck entgegenzuwirken, schilderte Grethlein: "Die Gründe liegen nicht in der geleisteten Arbeit von Robert Palikuca", sagte er, "sondern in der Zukunft". Ein neuer Mann soll her, der unbelastet von der Katastrophen-Saison, "ganz ohne prallgefüllten Rucksack" die neue Saison verantworten soll. Also auch die Suche des neuen Trainers.

Diese ungewöhnliche Lösung führt nun dazu, dass beide Seiten ihr Gesicht wahren können. Und so konnte sich Palikuca aufs Podium setzen und ausführlich über das Vergangene sprechen. "Ich muss mir nicht den Vorwurf machen lassen, dass ich dilettantisch gehandelt habe", sagte er zu den zahlreichen öffentlichen Vorwürfen in den letzten Tagen und Wochen. Palikuca wurden nicht nur zur Last gelegt, gleich zweimal bei der Trainerfrage daneben gelegen zu haben. Erst bei Damir Canadi, später bei Jens Keller. Und dann auch noch bei der Zusammenstellung der Mannschaft. All das hatte Palikuca dem Aufsichtsrat in den letzten beiden Tagen präsentiert - über Stunden hinweg. "Mit vielen Daten und Fakten", sagte er. Auch das, was er hätte anders machen sollen.

Bei seinen Ausführungen kam er gleich zweimal auf die Wucht zurück, die das Team getroffen hätte. Er sprach gar von Explosivität - und meint damit Vorfälle, wie die Morddrohungen gegen Nürnberger Spieler im Vorfeld des Spiels gegen Hannover 96 zu Beginn dieses Jahres. "Das waren nicht die einzigen Drohungen", sagte er. Das brachte noch mehr Unruhe in einen verunsicherten Kader in einer prekären sportliche Situation - und führte letzten Endes in die Relegation. "Ich hätte schon in der Winterpause den Abstiegskampf ausrufen sollen", gab Palikuca selbstkritisch zu.

Ansonsten herrscht am Valznerweiher aber eher Frieden und eine versöhnliche Stimmung. Grethlein sprach Palikuca seine Wertschätzung aus. Der bedankte sich für die "ehrlichen Gespräche" in den vergangenen 15 Monaten. Und sein Nachfolger werde viel Spaß mit dem Spielerkader haben. "Ich bin sehr optimistisch, dass das Team eine gute Rolle spielen wird", sagte er und verabschiedete sich eben noch nicht, sondern wird auch in den nächsten zweieinhalb Wochen Personalentscheidungen treffen.

Denn die seltsame Entscheidung des Clubs beinhaltet, dass Palikuca seine Arbeit noch zu Ende bringen soll. Also die Jobs, die bereits begonnen seien und "schon sehr lange dem Aufsichtsrat bekannt" seien. "Es wird keinen Kai aus der Kiste geben", sagte Grethlein, sondern nur das Abwickeln von Leihgeschäften und weiterer "Projekte". Es seien alles Entscheidungen, die bereits ausverhandelt und beschlossen seien, sagte Palikuca. "Es wird keine Vorgriffe auf die Kaderplanung geben", betonte er. Und wenn, dann wird Michael Wiesinger mit einbezogen.

Überhaupt war der Name Wiesinger immer wieder ein Thema. Nicht wenige Club-Fans würden den Relegations-Trainer gern in einer verantwortlicheren Position sehen als "nur" als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Grethlein sprach auch davon, dass er sich vorstellen könnte, einen technischen Leiter oder Sportdirektor zu installieren. Eine Entscheidung falle aber nicht ohne den neuen Sportvorstand, der allerdings nicht Michael Wiesinger heißen wird.

Zumindest nicht auf Dauer. Denn Wiesinger werde - erneut interimsmäßig - die Tage zwischen dem Ende von Palikucas Engagement und der Berufung des neuen Manns in dieser Rolle überbrücken.

Grethlein, der selbst die Suche nach einem Palikuca-Nachfolger leiten wird, geht aber davon aus, dass am 3. August schon der neue Sportvorstand präsentiert wird. Und auf den Neuen kommen wohl gleich intensive Arbeitstage zu. Denn die 2. Bundesliga soll bereits am 18. September starten. Damit hätte er sieben Wochen Zeit, einen neuen Trainer zu suchen und einen Kader zusammenzustellen.

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Marcus Schädlich

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Veröffentlicht am:
14. 07. 2020
19:48 Uhr

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14. 07. 2020
19:48 Uhr