Sport

Wie weiter im Regel-Wirrwarr? Zuschauer-Testphase vor Ende

Mal dürfen 50 Zuschauer rein, mal 4500, dann wieder gar keine: Wer derzeit wie viele Fans ins Stadion lassen darf, wirkt teilweise willkürlich. Das Bundesinnenministerium mahnt zu einer einheitlichen Linie. Was nach der Testphase passiert, ist offen.



Zuschauer-Regelung
Streitthema: Die Zuschauer-Regelung in Zeiten steigender Corona-Zahlen.   Foto: Andreas Gora/dpa

Der sechswöchige Testlauf steht unmittelbar vor dem Ende, die Fragezeichen zur zeitlich begrenzten Rückkehr der Zuschauer im Profisport sind größer denn je:

Werden die Versuche angesichts stark ansteigender Infektionszahlen nun fortgesetzt? Spielen die angepeilten 20 Prozent Auslastung bei niedrigem Infektionsgeschehen angesichts der überall steigenden Inzidenzwerte in den Herbstwochen überhaupt noch eine Rolle? Schon an diesem Wochenende wird in sieben von neun Bundesliga-Stadien wieder vor (fast) leeren Rängen gespielt, einzig in Wolfsburg (6000) und bei Union Berlin (4500) ist noch eine größere Anzahl Fußballfans erlaubt.

Selbst in der Hauptstadt wird das Vorhaben, trotz hoher Corona-Zahlen erneut vor Publikum zu spielen, kritisch beäugt. Die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport hat die Entscheidung zur Zulassung von rund 4500 Zuschauern beim Heimspiel des 1. FC Union gegen den SC Freiburg als «falsches Signal» bezeichnet. Man habe sich «eine andere Lösung gewünscht», teilte ein Sprecher auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Freitag mit.

Bereits am Donnerstag hatte Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) die Fußballfans dazu aufgerufen, möglichst auf einen Stadionbesuch zu verzichten. «Ich verstehe die Leidenschaft zum Fußball», sagte Kalayci. «Aber ich bleibe dabei: Meiden Sie soziale Kontakte. Wenn es geht, bleiben Sie Zuhause», sagte sie an die Adresse der Bürger gerichtet. Die derzeitigen Appelle der Politik, ausgesprochen unter anderem von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), passen jedenfalls nicht zu Großveranstaltungen mit tausenden Besuchern, selbst wenn das Event mit einem Hygienekonzept vorbereitet ist.

Als die Politik im September den Testlauf genehmigte, war die Corona-Lage bundesweit noch wesentlich entspannter. Innenminister Horst Seehofer (CSU) bekundete, für ihn sei Sport «ohne Publikum auf Dauer nicht vorstellbar.» An diesem Freitag mahnte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums noch einmal, in der Zuschauerthematik «zu einem einheitlichen Verfahren» zu kommen. Doch während zum Beispiel der FC Bayern München auch in der Testphase dauerhaft vor leeren Rängen spielen musste, darf Hannover 96 an diesem Samstag 9800 Zuschauer zulassen. Eine bundesweite Kompromisslösung scheint hier nicht in Sicht - es sei denn, die Infektionszahlen erzwingen wieder überall Geisterspiele, wie zuletzt im Frühjahr.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) setzt sich für eine Verlängerung des Testbetriebes ein, der nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Sportarten gilt. «Das Plädoyer der Teamsport-Verbände und des DOSB ist, dass wir vorschlagen und dringend empfehlen, dass die Evaluierungsphase bis zum Jahresende verlängert wird», sagte Präsident Alfons Hörmann.

Aus der Bundesliga hatte es zuletzt schon Stimmen gegeben, die eine Modifizierung der bestehenden Regelung forderten. Geschäftsführer Alexander Wehrle vom 1. FC Köln räumte zwar ein, die bestehenden Vorgaben zu akzeptieren, sagte aber auch: «Wir haben ein tragfähiges Konzept des Gesundheitsamtes für 9200, für 15 000, für 23 000 Zuschauer. Unabhängig vom Inzidenzwert, ob der 20, 30 oder 40 ist. Es ist tragfähig. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass man sich ansteckt im Stadion unter freiem Himmel, ist sehr, sehr gering.»

Augsburgs Manager Stefan Reuter hatte angeregt, nicht nur die Corona-Zahlen in Augsburg selbst, sondern auch den Rest aus dem Umland, «wo die Zahlen teilweise deutlich niedriger sind», in Betracht zu ziehen. Mit Kompromissen von Seiten der Politik ist hier - gerade angesichts der dynamischen Pandemie-Entwicklung - aktuell nicht zu rechnen, wie ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen belegt.

Demnach sollen bei bundesweiten Teamsportwettbewerben Zuschauer komplett ausgeschlossen werden, wenn die Zahl der Neuinfektionen am Austragungsort bei mehr als 35 Fällen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche liegt. Das stellte das Landesgesundheitsministerium von NRW klar, wie das «Westfalen-Blatt» (Freitag) berichtet.

Bislang ließen die Behörden auch bei einem Inzidenzwert über 35 meist noch 300 Zuschauer zu den Spielen zu. Die Bezirksregierungen sollen nun die Einhaltung der Rechtsauffassung sicherstellen. In diesen Fällen dürfte demnächst nicht mehr über die einst angepeilten 20 Prozent diskutiert werden, sondern nur noch, ob gar keine Zuschauer oder nur sehr wenige.

© dpa-infocom, dpa:201023-99-55044/5

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 10. 2020
17:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
1.FC Köln Aschaffenburger Mutig-Preis Bundeskanzler der BRD Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundesministerium des Innern CDU CSU Deutsche Presseagentur Deutscher Fußball-Bund Deutscher Olympischer Sportbund FC Bayern München Fussballfans Fußball Hannover 96 Horst Seehofer Regierungspräsidien SC Freiburg SPD Stadionbesuch Stefan Reuter Union Berlin VfL Wolfsburg
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Zuschauer-Rückkehr

15.09.2020

Politik gibt grünes Licht für bundesweite Fan-Rückkehr

Wochenlang wurde kontrovers über eine bundeseinheitliche Lösung bei der Rückkehr der Fans in Stadien und Hallen diskutiert. Nun ist ein Kompromiss gefunden worden, mit dem der Sport vorerst gut leben kann. » mehr

Leere Sitze

10.03.2020

Leere Ränge und Finanznot: Corona-Folgen treffen Sport hart

Jetzt greifen die Behörden auch im Sport durch: Der Fußball rollt in vielen Stadien wegen der Coronakrise vorerst vor leeren Rängen. Das schürt auch finanzielle Ängste. Andere Topligen sind womöglich noch schwerer betrof... » mehr

Coronavirus

24.11.2020

Der Sport fürchtet den verlängerten Stillstand

Mitgliederschwund, Frust im Ehrenamt, Einnahmeausfälle - die Sorgen des Sports im Teil-Lockdown wachsen. Die Hoffnungen auf ein Entgegenkommen der Politik beim nächsten Corona-Gipfel sind aber wohl vergebens. » mehr

Allianz Arena

16.09.2020

Politik legt vor: Clubs bereiten sich auf Fan-Rückkehr vor

Die Zeit der Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga ist vorbei - vorerst. Schon das Eröffnungsspiel des Triple-Sieger Bayern München gegen Schalke 04 soll vor Fans stattfinden. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert sieh... » mehr

Regierungssprecher

14.09.2020

Fan-Rückkehr schneller als gedacht - Beratungen am Dienstag

Die Debatte um Zuschauer in den Stadien begleitet die Clubs vor dem Bundesliga-Start. Von Geisterspielen ist längst keine Rede mehr. Die Gegner lenken langsam ein. » mehr

Geisterspiel

28.10.2020

Geisterspiele in der Bundesliga - Stillstand im Amateursport

Geisterspiele in den Bundesligen, Stillstand im Amateurbereich: Der deutsche Sport wird von den verschärften Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern hart getroffen. Viele Vereine stehen vor dem Nichts. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lkw kracht in Warnleitanhänger Berg/Bad Steben

A 9: Lkw kracht in Warnleitanhänger | 24.11.2020 Berg/Bad Steben
» 35 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
23. 10. 2020
17:47 Uhr